Jan 272020
 

Wir alle, die wir täglich im Bereich des Theaters für und mit einem jungem Publikum arbeiten, wissen, wie intensiv die spielerisch-theatrale Arbeit in Workshops und Projekten mit Kindern und Jugendlichen sein kann: Bildungsinhalte lassen sich durch eine spielerische Aneignung durchdringen und eröffnen neue Erfahrungsräume, die durch die Methoden des Regelunterrichts so oft nicht erreicht werden. Das Sich-selbst-Einbringen in gesellschaftspolitische Bereiche, das durch Rollenspiel zumindest in Ansätzen stattfinden kann, führt zum „selbstständigen Denken und zur kritischen Reflexion“ – Ziele, die im Lehrplan der AHS ganz zuvörderst festgelegt sind – in der Regel über das übliche unterrichtliche Maß hinaus.

Hier liegt ein großer Teil der Kompetenzen der Mitglieder der ASSITEJ Austria – es ist eines ihrer wesentlichen Arbeitsfelder, unterstützend mit Pädagoginnen und Pädagogen zusammenzuarbeiten. Projekte zu gestalten, die an die Lebenswelten der Schüler_innen anknüpfen und es ihnen ermöglichen, Erfahrungen zu machen, die sie befähigen zu Empathie, sozialem Miteinander, Kommunikation und Selbstbewusstsein – im Sinne von Sich-selbst-bewusst-Sein, auch im Spannungsfeld zu anderen.

Diese Projekte, angeregt von Bildungsinstitutionen, begleitet von Künstler_innen und gefördert, überprüft und evaluiert von Institutionen wie „KulturKontakt Austria“ (ab 2020 Bereich „Kulturvermittlung mit Schulen“ im OeAD) und anderen, sind ein wichtiger Bestandteil der Bildung (und man möchte mit Friedrich Schiller von „Herzensbildung“ sprechen) junger Menschen.

Wenn der Lehrplan AHS vorgibt: „Den Schülerinnen und Schülern ist Gelegenheit zu geben, selbst Gestaltungserfahrungen zu machen und über Sinne führende Zugänge mit kognitiven Erkenntnissen zu verbinden. Dabei eröffnet sich für sie die Chance, individuelle Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen und sich mit den Ausdrucksformen ihrer Mitmenschen auseinander zu setzen. Daraus sollen sich Impulse für das Denken in Alternativen, für die Relativierung eigener Standpunkte, für die Entwicklung eines kritischen Verständnisses und für die Anerkennung von Vielfalt als kultureller Qualität ergeben. Die kreativ-gestaltende Arbeit soll im Spannungsfeld von Selbstverwirklichung und sozialer Verantwortung als individuell bereichernd und gemeinschaftsstiftend erlebt werden.“, dann wissen wir, dass die Mittel des geschützten und pädagogisch begleiteten Spiels bestens geeignet sind, um diese Gelegenheiten zu schaffen.

Durch das Handeln des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung im aktuellen Fall des Projekts „Migration erleben“ sehen wir nicht nur diese Zielsetzungen des AHS-Lehrplans nicht beachtet, sondern einen wesentlichen Teil der Arbeit der in unserem Bereich tätigen österreichischen Künstler_innen und Theaterpädagog_innen in Gefahr. Projekte an Schulen, wie sie unter vielen anderen auch Theater ANSICHT, Mitglied der ASSITEJ Austria, durchführt, dürfen nicht ungeprüft gefährdet werden.

Es erscheint uns fatal, dass einzelne Stimmen aus dem österreichischen Boulevard einen Minister dazu bewegen können, ein Projekt „mit sofortiger Wirkung eingestellt“ sehen zu wollen, ohne sich vorab hinreichend über dieses zu informieren. Ein Mangel an Information lässt sich in den Medien auch daran ablesen, dass kolportiert wurde, das Projekt sei „gestoppt“ worden – ein Projekt, das mit dem Projekttag, an dem die beschriebenen Aktionen stattgefunden haben, bereits seinen offiziellen Abschluss gefunden hatte.

Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat vergangenen Herbst angekündigt, einen Kriterienkatalog für die Arbeit von Vereinen an Schulen vorlegen zu wollen, die Bundesjugendvertretung hat im Zuge der Debatte um das Projekt „Migration erleben“ gefordert, diesen rasch vorzulegen, um künftig ähnliche Fälle zu vermeiden.

Sollte ein solcher Katalog geplant sein, fordert die ASSITEJ Austria den Austausch mit und das Einholen der Expertise aller Verbände und Interessensvertretungen der in diesem Bereich tätigen Künstler_innen. Bei der Formulierung von Kriterien muss es um qualitative, das Potenzial von Projekten außerhalb des Regelunterrichts auszuschöpfen suchende Zielsetzungen gehen, keinesfalls dürfen politische Interessen oder inhaltliche Verbote im Vordergrund stehen.