STELLA17: Begründungen der nationalen Jury

 

Herausragende Produktion für Kinder

 

Ein Stück Teilen / Kompanie Freispiel, Wien 5+


Das Stück „Ein Stück Teilen“ zerteilt die Frage nach der prinzipiellen Teilbarkeit von Dingen in ein herausforderndes Spiel. Konsequent wird die Form des Teilens anhand von möglichen und unmöglichen Versuchen wiederholt. Der ins Surreale kippende Bruch mit dieser Form stellt eine dramaturgisch geglückte Überraschung dar. Ein leichtfüßiges Lob des Unerwarteten entsteht.
Produktion kann nicht im Wettbewerb gezeigt werden.

Mio, mein Mio / Landestheater Niederösterreich, NÖ 6+


Die temporeiche Bilderflut ist aus einem Guss gefertigt. Ausstattung, Musik, Schauspiel und Regie arbeiten einfallsreich zusammen. Inmitten der kompakt erzählten Abenteuer-Geschichte finden sich fein gearbeitete Details. Auch die Nebenfiguren und Nebenhandlungen glänzen. Romantik des Bühnenzaubers geht mit Queerness in eine üppige Liason ein.
Produktion kann nicht im Wettbewerb gezeigt werden.

Pinocchio / DSCHUNGEL WIEN und Das Spiegelkabinett, Wien 7+


Harfenklänge, Lichtsäulen und künstlich-komische Kostüme. Es ist ein märchenhaftes Ambiente, in dem die Abenteuer von „Pinocchio“ als eine durchgängige Geschichte erzählt werden. Vier Darstellende untersuchen das Puppenhafte am Menschen und das Menschliche der Figuren. Während der Aspekt des Lernens in den Hintergrund rückt, verbreitet sich ein großes Staunen.


Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan / ANSICHT, Wien 9+

„Die Geschichte eines Junge aus Afghanistan“ erzählt eine komplizierte, eine widersprüchliche, eine nicht ins Eindimensionale des literarischen Zugriffs gerückte Biographie. Das Rechercheprojekt präsentiert sich dennoch in puristischer Konzentration: Eine Erzählstimme erzählt. Und das Publikum hört. Text, Inszenierung, Musik und nicht zuletzt die darstellerische Leistung überzeugen als Gesamtpaket.

Atlas der abgelegenen Inseln / makemake produktionen in Kooperation mit Vorarlberger Landestheater, DSCHUNGEL WIEN und Wien Modern, Wien/Vorarlberg 10+
Nach dem Buch von Judith Schalansky


>Eine Abenteuerreise voll Poesie. Die Übertragung dieses einzigartigen literarischen Werkes auf die Bühne ist ein Theatererlebnis, das Wort „Crossover“, so treffend es vielleicht wäre, hierfür zu banal. Souverän in der Wahl ihrer Mittel verbindet Regisseurin Sara Ostertag Theater, Tanz, Musik und Video. Die Bühne eine kleine Wunderkammer, die Kompostion von Hannes Dufek betörend. Die beiden Darstellerinnen und Musiker kraftvoll und präzise.
Man wünschte sich, diese Reise würde niemals enden und doch ist gerade auch das Schlussbild dieser Produktion (Einmal noch die Welt umarmen und dann Richtung Horizont verschwinden!) von solch intensiver Schönheit, dass es wohl der exakt richtige Augenblick ist, um die Lichter ausgehen zu lassen.


Jo im roten Kleid / Mezzanin Theater, Steiermark 11+
Frei nach dem Bilderbuch von Jens Thiele

Erzähltheater meets Tanz. Klingt nach einer ungewöhnlichen Mischung, passt aber wunderbar zusammen, um die Geschichte eines Jungen zu erzählen, der sich auf Identitätssuche begibt.
Was ist „typisch“ für einen Jungen? Fußballspielen. Ja klar. Aber warum nicht auch einmal die gängigen Klischees verlassen und sich ein Kleid überstreifen? Ein sich erinnernder Erzähler und ein sich immer aufs Neue suchender Tänzer. Im Wechsel zwischen den beiden Ebenen gelingt der Produktion ein traumwandlerisch leichtes und dennoch intensives Spiel voll Kraft und Eleganz, das ganz nebenbei ein gesellschaftlich wesentliches Thema verhandelt, das noch immer gerne an den Rand gedrängt wird.

Herausragende Produktion für Jugendliche


Patricks Trick / Next Liberty, Steiermark 10+

Was ist schon „normal“? In seinem zurecht mehrfach preisgekrönten Stück schickt der Autor Kristo Šagor den elfjährigen Patrick auf den Weg, genau das herauszufinden. Denn sein Bruder, den er bald bekommen wird, ist angeblich nicht „normal“. Soweit die Grundsituation des Zweipersonenstücks, das sich auf wunderbar leichte und humorvolle Art mit so wesentlichen Themen wie Identität und Erwachsenwerden, Sprache und Freundschaft beschäftigt.
In der Inszenierung von Helge Stradner glänzen die beiden Schauspieler Christoph Steiner und Michael Großschädl von der ersten Minute an, ja eigentlich schon während des Einlasses, wenn sie auf offener Bühne Fußballspielen. Ihre Energie, ihre Spielfreude sind beeindruckend. Man merkt dem Duo an, wie viel Spaß sie auf der Bühne haben und genau darin liegt wohl auch der Schlüssel für dieses das Publikum beglückende Theatererlebnis. Der Erfolg dieser Produktion liegt nicht zuletzt an der Regie von Helge Stradner. Keinen Augenblick  hat man das Gefühl, dass sich hier der Regisseur mit seinen Ideen in den Vordergrund stellen will, ganz im Gegenteil. Die präzise Arbeit mit den Schauspielern und die rhythmische Genauigkeit der Dialoge sowie die Liebe zu Details zeichnen diese Arbeit aus.


Dreihundertfünfundsechzig+ / theaternyx* und Theater foXXfire! in Koproduktion mit DSCHUNGEL WIEN und Wien Modern in Kooperation mit SCHÄXPIR, OÖ/Wien 13+

Ein groß angelegter dokumentarischer Versuch wird durch behutsame Bearbeitung zu einer konzentrierten Theater-Fiktion. Was Ereignis von öffentlichem Interesse und was privates Erleben gewesen wäre, während diesem vergangenen Jahr 2016, verwebt sich zu einer durchlässigen Erzählung. Die Abfolge von Tagebuch-Einträgen und choreographisch auserzählten Anekdoten konstruiert präzise Wechsel in Tempo und Duktus.

Nichts – Was im Leben wichtig ist / Schauspielhaus Salzburg, Salzburg 14+
Basierend auf dem Jugendroman von Janne Teller für die Bühne bearbeitet von Andreas Erdmann.

Eine Gruppe von Jugendlichen in der (dänischen) Provinz. Das Schuljahr hat gerade begonnen, als einer, Pierre Anthon, beschließt, nicht länger zur Schule zu gehen, sondern fortan seine Tage auf einem Baum zu verbringen. Denn „Nichts bedeutet etwas. … Alles fängt nur an, um aufzuhören“. Diese anfänglich kleine Provokation wächst sich aus zu einer verstörenden Tragödie, wie sie sich wohl keiner der Beteiligten je hätte ausmalen können bzw. wollen.
Die Produktion des Schauspielhauses Salzburg überzeugt mit einer Ensembleleistung, welche die schleichende Zuspitzung der Vorlage eindringlich vermittelt. Vom lockeren Erzählton am Anfang schraubt sich die Intensität der Inszenierung immer höher.  Die Aberwitzigkeit der Geschichte über den Bau am „Berg aus Bedeutung“ wird in einem schlichten, aber ästhetisch überzeugenden Bühnenbild erzählt. Die Inszenierung schafft eine immer bedrohlicher werdende Atmosphäre. Publikum und Darsteller geraten gemeinsam in eine nicht zu stoppende Spirale aus Provokation, Verzweiflung und daraus resultierender Gewalt. Eine ebenso eindrückliche wie bedrückende Arbeit.

Beißen / TaO! Theater am Ortweinplatz, Steiermark 14+

Ohne eine Moral aus der Geschichte zu ziehen, breitet „Beißen“ das Thema „Leistung“ in zurückhaltenden Bildkompositionen zu einer formstrengen Variation aus. Der Witz liegt im Verhältnis der verschiedenen Sportarten zueinander, der Überwitz in der Zusammenstellung von körperlicher Leistung und E-Sport. Inhaltlich lose Kapitelfolgen ergeben einen so luziden wie dunklen Zusammenhang.

Herausragende darstellerische Leistung


Alev Irmak in „Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“ / ANSICHT, Wien

So cool, wie der da im Käfig kickt.
So lässig.
So cool, wie der erzählt.
Dann hat er plötzlich Probleme, aber hey! – so cool, wie mutig der dann ist auf seiner Flucht.
Der Junge aus Afghanistan ist echt… der hat’s nicht leicht und trotzdem schafft er alles!
Und dann in Österreich, endlich angekommen, ist der überhaupt kein Junge!
Oida. Und ich hab geglaubt, die ganze Zeit geglaubt, dass das Mädchen ein Bub ist.
Wahnsinn.
Aber hey, man darf sich einfach nichts gefallen lassen. Ganz egal, ob du so oder so bist.

So in etwa könnte es klingen, wenn uns Alev Irmak davon erzählt, was und vor allem wie sie in der Produktion „Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“ spielt.
So cool. So lässig. So direkt. So verschmitzt. So charmant. So berührend.


Maresi Riegner in „The Miracle Worker“ / Theater der Jugend, Wien

Verdrehte Augen, um sich schlagende Arme: Da hat jemand, so scheint’s, vollends die Kontrolle über die körperliche Behutsamkeit verloren. Die Schauspielerin Maresi Riegner geht in der Rolle der blinden und gehörlosen Helen Keller auf bzw. im eigenen distanzlosen Spiel unter. Eine kraftvolle Herausforderung, auch fürs Zusehen.

Michael Großschädl und Christoph Steiner in „Patricks Trick“ / Next Liberty, Steiermark

Sie sind ein kongeniales Duo. Egal in welche Rolle sie in dieser Produktion schlüpfen, sie tun es mit voller Energie und Risiko. Denn sie wissen, sie haben einander. Die Sicherheit, mit der Michael Großschädl und Christoph Steiner auftreten, bildet die Basis für diese darstellerische Glanztat.
Ganz egal, ob als verunsicherter, fragender Patrick, als grober Boxtrainer, als verzweifelte Eltern oder durchgeknallter Schulfreund, die beiden geben von der ersten bis zu letzten Minute alles und es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen.

Herausragende Musik


Patrick Dunst „Puls“ / DIE HEIDI, Steiermark

Eine Nebenfigur, die plötzlich groß wird.
Der Komponist und Musiker, Patrick Dunst, ist in „Puls“ auch Darsteller. Er spielt trotz seines noch jungen Alters den Großvater von Annie, einer der beiden Hauptfiguren des Stücks.
Warum das wichtig ist, wo es doch um Musik geht? Nun, es gelingt ihm by the way nicht nur eine äußerst charmante Darstellung eines kauzigen Opas, sondern er verbindet diese Rolle auch gekonnt mit seiner Rolle als Solo-Live-Musiker. Seine Kompositionen sind wesentlicher Bestandteil der Produktion und schaffen im sonst eher gehetzten Stil des Stücks Inseln der Ruhe und der Poesie.
Ob mit Saxophon, Querflöte oder Kalimba, der kauzige Opa spielt alle Stückeln.

Julia Meinx „Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“ / ANSICHT, Wien

Wellen, der Hafen, das Fußballspiel, eine Autofahrt. Auch Schneeflocken und Europahymne. Für „Die Geschichte eines Jungen aus Afghanistan“ hat Julia Meinx das Disparate der Orte und Erlebnisse als sinnliche Ton-Kulisse aus dem einen, gleichbleibenden Bühnen-Objekt heraus gedacht. Die sparsamen Klänge werden zum Gerüst der Geschichte. Ein bezwingendes Konzept.

Maja Osojnik „Mio mein Mio“ / Landestheater Niederösterreich, NÖ

Der treibende Ton-Teppich von Maja Osojnik bereitet den Boden für eine atemlose Inszenierung. Einzelne Töne, Klänge und Schläge heben das Skurrile, das Unglatte an der Produktion hervor. Dramaturgische Bögen werden mal ins Verspielte mal ins Ungeheuerliche gezogen. Die Spannung bleibt hoch.

Herausragende Ausstattung


Bianca Fladerer „Disastrous“ / SILK Fluegge, OÖ

Die Kostüme von Bianca Fladerer für „Disastrous“ imaginieren den Dresscode nach einer Katastrophe. Der Zusammenhang von Form und Funktion zerfällt zur Sci-Fi-Vision. Die Kombinationen der Farben und Materialien ergeben als Einzelkostüm und Gesamtkomposition eine beiläufige Harmonie.

Ragna Heiny „Nichts – was im Leben wichtig ist“ / SSchauspielhaus Salzburg, Salzburg

Schulbeginn in der dänischen Provinz.
Da denkt man zuallererst an rotgestrichene Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen und drum herum viel Natur. Von alldem ist weit und breit nichts zu sehen und das ist gut so.
Als würden die SchauspielerInnen einen verwunschenen Dachboden betreten, an dem Erinnerungen an lange zurückliegende Ereignisse aufbewahrt werden. Alles ist in dusteres Licht, dumpfe, matte Farben getaucht und nur zögerlich beginnen die ProtagonistInnen sich des Raums zu bemächtigen. Prägendstes Merkmal des Bühnenbilds sind die aufeinander gestapelten Schubladen als mit dem Inhalt des Stückes wunderbar kommunizierende Elemente. Die Abstraktion der Dinge, die im Laufe des Stücks den Berg aus Bedeutung formen, reiht sich in dieses schlüssige Konzept ein. Wer beim Sich-Erinnern eine Schublade seiner Vergangenheit öffnet, muss damit rechnen, dass ihm mitunter unangenehmer Geruch entgegenweht.

Nanna Neudeck „Mio mein Mio“ / Landestheater Niederösterreich, NÖ

Nanna Neudeck hat für „Mio, mein Mio“ eine träumerische Bühnen-Ausstattung geschaffen. Ein wilder Garten wandelt sich zum klaustrophobischen Schloß. Während der Reise dazwischen zeigen sich die Weg-Bekanntschaften anhand ihrer Kostüme in ihrer jeweiligen Rolle. Farben, Formen, Muster, Details verbinden sich zu einer überschwänglichen Optik.