STELLA16: Begründungen der Jury

 

Herausragende Produktion für Kinder

Pinguin PeopleTheater ASOU (Koproduktion mit La Strada), Graz 6+
Die „Pinguin People“ sind liebenswürdig, lustig, manchmal traurig, voller Sehnsucht – und sie spielen sich mit ihrer tierischen, allzu menschlichen Einfachheit in die Herzen der Zuschauer_innen. Clownesques, auf die schönste Art und Weise „naives“ Bewegungstheater vom Feinsten, umgesetzt mit körperlicher Exaktheit und Gespür für „Masken“-Spiel. Die reduzierte Ausstattung und die tragende Musik bilden mit den verschiedenen Pinguin-Figuren – die jede für sich, aber auch als Gruppe großartig funktionieren –, eine perfekte Einheit. Stimmig in jeder Hinsicht und ohne viele Worte.

Lügen – TWOF2 + dascollectiv, Wien 6+
Eine feine, performative Auseinandersetzung zum Thema Lügen, bei der das Publikum von Anfang an voll einbezogen wird – aber auf die angenehme Art. Denn auch wenn man gleich zu Beginn beim Lügen ertappt, immer wieder mal befragt oder an einen „Lügendetektor“ angeschlossen werden kann, bleibt immer das angenehme Gefühl, dass es allen um einen herum gleich geht, dass kleine Schwindeleien keine Tragödie sind, das Spiel mit der Wahrheit auch immer eine Sache der Ansicht bzw. des Informationsstands ist und dass ein Theaterstück über das große Thema Lügen nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Tanz und Gesang enden darf. Ehrlich!

Krähe und Bär – DSCHUNGEL WIEN 8+
Das Gras auf der anderen Seite des Zaunes wirkt immer grüner. In diesem Fall sitzt der Bär auf der einen Seite und das Publikum, mitsamt der Krähe, auf der anderen Seite des Zaunes. Schon die Aufteilung des Bühnenraums – mittels eines Zaunes zwischen Bühne und Zuschauer_innenraum – katapultiert die Zuschauer_innen in die Situation, um die es im Stück geht: Wer sitzt auf welcher Seite? Und: Wer hat es besser? Eine gelungene Auseinandersetzung zu den Themen Freiheit, Teilen und Zäune.

 

Herausragende Produktion für Jugendliche

schwarzweißlila – DSCHUNGEL WIEN 10+
Ein Mädchen auf der Suche nach den eigenen Wurzeln: Eine klar erzählte, einfache Geschichte, die einen in dieser ehrlichen und kreativen Inszenierung völlig in ihren Bann zieht. Ein leichtgängiger, witziger kreativer Zugang zu einem topaktuellen Thema. Eine starke textliche Vorlage, die mit Video, Musik und wenigen, aber sehr schlau gewählten Bühnenelementen stets spannend bleibt und ein homogenes Konzept bildet. Die schauspielerische Umsetzung war durchgehend differenziert. Kurzum: Eine sehr gelungene, runde Produktion.

Die Sprache des Wassers – Imp:Art, Wien 12+
Ein großer Raum für eine große Geschichte, die mit wenig Mitteln, aber höchster schauspielerischer Präzision erzählt wird. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens und des Fremdseins, eine poetische Geschichte übers Aufbrechen, die Suche nach Vertrautem, das Ankommen in der Fremde, die einem hier von nur zwei versierten jungen Darsteller_innen auf sehr ehrliche, empathische, frische Weise nahegebracht wird. Viele Erzählebenen, viele schnelle Szenenwechsel, viele melancholische Momente, viele Bilder, aber doch zart, poetisch, spannend und sehr dicht.

Das Part of the Game-Game – TaO! Theater am Ortweinplatz und das Planetenparty Prinzip, Graz 14+
Diese riesige Spielsimulation hat auf beide große Fragen – Was ist entscheidend? Was gibt meinem Leben Sinn? – eine nahezu entwaffnend klare Antwort: Erfolg. Und das erfährt der_die Zuschauer_in, oder, in dem Fall, der_die Mitspieler_in, in Form einer irrwitzigen, interaktiven (aber trotzdem sympathischen) Gesellschaftsspielsimulation in aller Konsequenz und anhand eines äußerst intelligent umgesetzten Konzepts am eigenen Leib – so lange, bis man selbst allzu gern bereit ist, ein „Part of the Game“ zu werden, den eigenen Konto- und Prestigepunktestand nach allen Regeln dieses ungerechten, korrupten Systems und der Kunst weiter in die Höhe zu treiben, koste es, was es wolle. Wenn man nach über drei Stunden in dem perfekt organisierten, von 32 beinhart agierenden und präzise geführten Darsteller_innen besetzten Labyrinth aus Lobbyismus, Ehrgeiz und Freunderlwirtschaft wieder daran erinnert wird, dass die Welt draußen noch existiert, (noch) nicht ganz so vorprogrammiert ist, aber auch, dass hier alle gesammelten Punkte und Euros nichts mehr zählen – ist man fast enttäuscht.

Die Durstigen – Theater WalTzwerk (Koproduktion mit dem Stadttheater Klagenfurt), Klagenfurt 14+
Ein raffiniert gebautes Stück übers Erwachsenwerden, über Wut und Aufbegehren, Liebe und Phantasie – drei Monologe, zwei Zeitebenen, zwei Realitäten und Videoprojektionen lassen Traum, Phantasie und Realität immer wieder verschwimmen bzw. rasch wechseln und fordern die Aufmerksamkeit der Zuschauer_innen, doch das Dranbleiben wird nicht nur durch die dichte Atmosphäre und die drei präzisen, sich hervorragend ergänzenden Darsteller_innen erleichtert, sondern durch die Kraft, die durch all diese Komponenten zusammen erzeugt wird, die einen hineinzieht und noch eine Weile nach dem Vorstellungsbesuch nachhallt.

 

Herausragende Musik

Josef Klammer – „Anna und die Wut“, Mezzanin Theater, Graz
Ein wunderbar originelles Konzept, maßgeschneidert für die Umsetzung von Christine Nöstlingers Geschichte; das faszinierende, rhythmische Spiel von Erfinder und Performer Josef Klammer ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie ein musikalisches Konzept einem Stück Leben und eine besondere Struktur verleihen kann: Die Idee, der sympathischen, sich und ihre Umwelt überfordernden Anna einen ausgeglichenen, immer geduldigen und verständnisvollen Opa entgegenzusetzen, der ihre überbordende Gefühlswelt verkörpert und gleichzeitig in Musik und Geräusch umsetzt, geht nicht nur musikalisch, sondern auch spielerisch voll auf.

Michael Merkusch – „Pinguin People“, Theater ASOU, Graz
Die Welt der Pinguine: Stille, Weite, Eis, Schnee, Eisberge, eine liebevolle (Tier-)Familie. Und der Polarforscher mit seiner elektrischen Gitarre – dass sich das zu einem harmonischen Ganzen fügt, ist dem Musiker Michael Merkusch zu verdanken, dem es in dieser Produktion gelungen ist, einen Soundtrack zu kreieren, der so klar, weit und voller Sehnsucht ist, wie die Landschaft, in der das Stück angesiedelt ist. In diesem (akustischen) Raum haben auch die kleinsten Bewegungen und Gesten, das feine zwischen-„menschliche“ Spiel die Möglichkeit, mehr zu auszusagen, als 1000 Worte.

IYASA – „Mein Bauernhof“, DSCHUNGEL WIEN
IYASA zeigen in „Mein Bauernhof“ theatralische Kraft, gepaart mit musikalischem Können und Vielfalt, dazu kommt ein gutes Gespür für die Stärke des Ensembles und ein unglaublicher Spaß bei der Performance, die sich durch eine überwältigende Mischung aus A-cappella-Gesang und Rhythmik auszeichnet. Selten wird man von der stimmlichen Kraft eine Gruppe weggeblasen und gleichzeitig in den Bann ihrer feinen musikalischen Überlegungen hineingezogen. Die Musik bzw. die Soundkulisse kommen in dieser Inszenierung fast ohne Sprache aus und tragen maßgeblich dazu bei, die Geschichte zu erzählen, die Räume und Szenen zu erschaffen. Der Preis geht an das Ensemble IYASA unter der musikalischen Leitung von Innocent Nkululenko Dube für ihre Musikalische Leistung in Stephan Rabls Inszenierung von „Mein Bauernhof“.

 

Herausragende darstellerische Leistung

Nancy Mensah-Offei – „schwarzweißlila“, DSCHUNGEL WIEN
Eine Schauspielerin, die mit besonderem Charme und dynamischem Spiel ein Mädchen auf der Suche nach ihren Wurzeln verkörpert. Ihre verletzliche und kraftvolle Darstellung einer Jugendlichen, die der Welt mit Witz, Mut und Aufgeschlossenheit begegnet, ihr entgegentanzt, -lacht und -hofft, egal wie es daraus zurückschallt, überzeugt und berührt.

Daniel Doujenis, Rudi Widerhofer, Stefan Maaß und Nadja Brachvogel – „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“, Landestheater Vorarlberg und Follow the Rabbit, Graz/Bregenz
Vier Barhocker und vier herausragende Schauspieler_innen, manchmal braucht es „nur“ das. Jede_r für sich und als Ensemble setzen sie diese berührende und bedrückende Geschichte sehr konzentriert, klar, differenziert, exakt geführt um, stützen sich dabei ganz auf die Kraft ihres (Zusammen-)Spiels und die Wirkung einer gut erzählten Geschichte, ohne je angestrengt zu wirken oder ihren Humor zu verlieren. Kein leichtes Unterfangen, aber: wunderbar gelungen, spannend und quasi „ein Lehrstück“ für jede_n Schauspieler_in.

Julia Carina Wachsmann – „King A“, „Nichts“ und „Der Kleine und das Biest“
In der vergangenen Saison durften wir Julia Carina Wachsmann als Ensemble-Mitglied des u\hof: Linz in sehr unterschiedlichen Rollen erleben: Als sich erst gegen Ende des Stücks ent“monsternde“ Mutter in „Der Kleine und das Biest“, als weiß/ser Zauberer (und DJ) Merlin in „King A“ und als mindestens acht Mitglieder einer (selbst-)zerstörerischen Bande von Jugendlichen auf der Suche nach Dingen von Bedeutung in „Nichts – was im Leben wichtig ist“. All diese Figuren hat sie mit vollen Einsatz verkörpert und sie durch ihre Wandlungsfähigkeit und facettenreiches Spiel zu etwas Besonderen, Bemerkenswerten gemacht.

 

Herausragende Ausstattung

Michaela Mandel, Anna Katharina Jaritz und Rebekah Wild – „Die automatische Prinzessin“, Theater der Jugend, Wien
Binnen kurzer Zeit taucht der_die Zuschauer_in in die Welt der Geschichten von 1001 Nacht, mit viel Phantasie und Liebe zum Detail wird eine opulente Entdeckungsfahrt gestartet: Den Anfang macht ein zum Wohnwagen umgebauter VW-Bus, der bald zu einem Wunderladen im Basar umgebaut wird und schon befindet sich der_die Zuschauer_in unter anderem dank der herausragenden Ausstattung in einer phantastischen Geschichte, die sich nach und nach, immer wieder neu und überraschend wandelt, von gigantischen Vögeln und Magnetbergen, Feuergeistern und bösen Zauberern, von sprechenden Sitzmöbeln und fliegenden Teppichen bevölkert wird und so eine kleine Traumwelt zum Leben erweckt.

Bernhard Bauer und Ralph Heigl – „An der Arche um Acht“, Landestheater Vorarlberg, Bregenz
Pinguine sind zwar furchtbar sympathisch, aber sie stehen in der Hierarchie der Tierwelt recht weit außen bzw. unten, dementsprechend steht es um ihren Platz auf der rettenden Arche. Dass sich aus dem philosophischen Kinderstück von Ulrich Hub auch diese Facette sehr gut lesen lässt, unterstreicht die pointierte Ausstattung dieser Inszenierung, die auf kluge Reduktion und starke Kontraste setzt, die u.a. die drei Pinguine im verlotterten Big Lebowski-Style auf die strahlend-üppige Taube treffen lässt und sie von der arktischen Öde spielend in den tristen Schiffsbauch bis zum regenbogenfarbenen Neubeginn begleitet.

TWOF2 + dascollectiv – „Skreek“, TWOF2 + dascollectiv, Wien
Wenn das Bühnenbild sowohl für sich beeindruckend und innovativ ist, als auch den Anforderungen der Inszenierung bestens dient, dann kann es als herausragend bezeichnet werden. In „Skreek“ gelingt eine Vermischung von Fiktion und Realität – und spielt genau damit. Präzise und flüssig, ohne den immensen technischen Aufwand sichtbar zu machen, wird der Zuschauer auf beeindruckende Weise in eine Comic-Welt entführt.