STELLA15: Begründungen der nationalen Jury

 

Herausragende Produktion für Kinder

Der kleine hässliche Vogel, Follow the Rabbit, Graz 6+
Irritation von Anfang bis Ende: Regisseur Simon Windisch erfüllt ungern Erwartungshaltungen, lernt der Zuschauer den kleinen hässlichen Vogel doch zunächst als graue Büromaus kennen, die sich in einen (Alb)Traum aus Ausstattung und Musik zum Vögelchen träumt. Eine berührende Geschichte über Außenseitertum, fieses Mobbing, aber auch über wundersame Verwandlung und darüber, dass jeder ein Talent hat, es sich lohnt, danach zu suchen und den Mut zu haben, es aller Welt zu zeigen. Die Produktion bringt uns die unbequeme Komplexität des Zwischenmenschlichen nahe.

Rosenrot und Schneeweißchen, Mezzanin Theater, Graz 10+
In eine geradezu virtuelle Welt katapultiert, erleben wir das niedliche Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot von seiner eher grausamen Seite. Die Nöte all derer, die Geschwister haben, werden vom ungleich kompetitiven Schwesternpaar überzeugend und mit hintergründigem Humor auf den Punkt gebracht, bis klar ist: Märchen hin oder her, die Welt ist nicht gerecht und die Schwester erst recht nicht.

Die Wetterküche, Lottaleben, Wien 7+
Dass unsere Gefühle wie ein wechselhafter Wetterbericht sind, nahezu unberechenbar und doch vieldiskutiert, das weiß jedes Kind. Oder? In einem Laborsetting gehen Lottaleben gemeinsam mit dem Publikum auf eine verspielte, grenzenlos inspirierende Forschungsreise, die uns die Welt da draußen und da drinnen durch eine ganz neue Sonnen-, Regen-, Schnee- oder Windbrille sehen lässt.

Das ist ja ein Ding, makemake produktionen, Wien 8+ 
Erst ein Kochlöffel macht einen Raum zur Küche und erst ein Zuschauer ein Kleidungsstück zum Kostüm: Derlei grundlegende existenzphilosophische Erwägungen werden uns hier so lebhaft und so lange vorgetanzt, bis einige von den Gegenständen tatsächlich zum Leben erwachen und lustvoll außer Kontrolle geraten. Tanztheater für Kinder im besten Sinne: zum Angreifen und doch so flüchtig.

Herausragende Produktion für Jugendliche

BOOOM!!!, SILK Fluegge, Linz 14+
Aber es darf doch nicht ums Gewinnen gehen! Tut es dann halt aber doch oft. Anhand der Schaukampfsportart Wrestling fackelt „BOOOM!!!“ nicht lange und thematisiert die Gewalt ‒ mit Gewalt, die solange „Tanz“ ist, bis es plötzlich ernst wird. Grellbunt und over the top nimmt das Ensemble mit vollem Körpereinsatz unsere Gefühlsklaviatur in ihre, genau, Gewalt, verstört und begeistert uns. Tanztheater mit Gänsehautfaktor mit ästhetischer Kraft und nicht zuletzt ‒ Wettbewerb hin oder her ‒ einer grandiosen Ensembleleistung.

Der Herr der Ring-Parabel, KopFiNdeRwaNd/TURBOtheater, Villach 14+
Ein Schulwart betritt die Schulklasse, und schon ist man mittendrin in der Geschichte, die Autor und Regisseur Stefan Ebner aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“ und Lessings „Nathan der Weise“ höchst intelligent destilliert hat. Michael Kuglitsch „beamt“ sich in atemberaubendem Tempo in verschiedenste Rollen, Welten und Zeiten, packt sein unvorbereitetes Publikum und zwingt es zum Nachdenken über Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Toleranz. „Der Herr der Ring-Parabel“ trifft gerade in diesen Tagen einen Nerv und ist brandaktuell.

Ein SommernachtstraumImp:Art, Wien 12+
Ach, ist Theaterspielen nicht schön und Shakespeare das Beste überhaupt? Dieser vielleicht etwas naive Gedanke wird von den sechs fleißigen HandwerkerInnen augenzwinkernd aufs Korn genommen und gerade dadurch wieder bekräftigt. Mit einfachsten Mitteln holen sie aus einem der meistgespielten Stücke der Welt das Lustigste heraus und bauen es in biografische Lichtblitze aus dem WanderschauspielerInnendasein ein. Ein Traum eben!

Boys AwakeningTheaterFOXFIRE & DSCHUNGEL WIEN, Wien 13+
Im dritten Teil ihrer Serie haben die Boys endgültig zu sich und zueinander gefunden. Klar, hier geht es ja auch um Sex! Das Thema, das uns selbstredend alle interessiert, darf hier von der oft verpönten männlichen pubertär-jugendlichen Seite gründlich abgeklopft und in Geschichten, Fragen, Tanz, Gesang und einem alten Auto ausgebreitet werden. Acht agile, sehr unterschiedliche Boys eröffnen ehrlich, aber keineswegs kunstlos einen oft überraschenden Blick in eine Welt, die uns sonst verschlossen ist, knapp vor uns oder auch weit hinter uns liegt.

Herausragende Musik

Robert Lepenik für die Musik in Die besseren Wälder, TaO! Theater am Ortweinplatz & Junges Vorarlberger Landestheater, Graz/Bregenz
Theatermusik von Robert Lepenik ist kein nebensächliches Beiwerk. Seine Musik geht den „besseren Wäldern“ auf den Grund, legt clusterartig Schichten frei, nimmt Stimmungen vorweg, suggeriert. Er ist ein Meister der nuancenreichen Zwischentöne. Dabei bewegt er sich leichtfüßig zwischen Rockmusik, Elektropop und Improvisation. Empathisch erfasst Lepenik den Charakter des Stückes, erzählt die Geschichte gleichberechtigt mit und hilft sie zu verstehen.

Hannes Dufek für die Musik in Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, makemake produktionen & DSCHUNGEL WIEN & WIEN MODERN, Wien
Dem Komponisten Hannes Dufek gelingt mit seiner Bühnenmusik ein künstlerisches Gesamtkunstwerk Hand in Hand mit Sara Ostertags Inszenierung: Miniaturen, in denen jedes Tier, dem der kleine Maulwurf auf seiner Suche nach dem Übeltäter begegnet, musikalisch porträtiert wird. Dabei bedient sich der Komponist kunstvoll verschiedenster Musikstile. Dufek gibt jedem Tier Gestalt und Gesicht, ohne Musik ist es nur halb so viel. So fühlt man sich an die große Tradition eines Camille Saint-Saëns („Karneval der Tiere“) oder eines Sergei Prokofjew („Peter und der Wolf“) erinnert.

die piloten für die Musik in Der Zauberlehrling, die piloten, Linz 
die piloten entführen ihr Publikum in die poetische Welt von Johann W. Goethes „Zauberlehrling“. Mitmachen, Mitsingen und Mittanzen sind erwünscht, um diesen Klassiker vielschichtig verstehen zu lernen. Exzellente Musikvermittlung nicht nur mit Gesang, Geige, Blockflöten, Klarinette, Ukulele und Akkordeon, auch ein rhythmisch klopfender Besen bekommt plötzlich ein Eigenleben, sprudelndes Wasser verzaubert durch seinen Klang, Wassereimer werden in Perkussionsinstrumente verwandelt und Weingläser beginnen beinahe zu singen. Eine musikalische Wunderkammer!

Herausragende Ausstattung

Bernhard Bauer für die Ausstattung in Der kleine hässliche Vogel, Follow the Rabbit, Graz
Das Setting könnte überraschender nicht sein. Nicht farbenfroh wie in der Buchvorlage, grau und trostlos ist die Welt, in der der kleine hässliche Vogel tagtäglich sein Dasein fristet: ein graues, kaltes, steriles und ungemütliches Büro. Langsam verwandelt sich das Büro mit Efeugirlanden in ein Biotop, aus grau wird bunt, und selbst der hinterste Pappkaffeebecher mutiert zu Federvieh. Bernhard Bauers Ausstattung watschelt genial verspielt, detailverliebt und poetisch daher.

Martin Steininger für die Live-Zeichnungen in Konferenz der Tiere, ZementTHEATER, Wien
So schnell sind wohl noch nie so viele Bühnenbilder aus dem Nichts gewachsen. Das Lebensumfeld der großen und der kleinen Tiere schwappt auf Martin Steiningers spontanen Overheadprojektor-Gemälden wie zufällig ins Blickfeld und fügt sich dann perfekt mit Raum und DarstellerInnen zusammen. Gerade dass man zusehen kann, wie sie entstehen, macht die vielfältigen Live-Zeichnungen zu Triebkraft und Blickfang der „Konferenz der Tiere“.

Christian Schlechter und Nanna Neudeck für die Ausstattung in Das ist ja ein Ding, makemake produktionen, Wien 
Die Ausstattung für ein Stück, in dem es um Dinge geht, ist ja kein Ding, sollte man meinen. Aber wenn die Dinge sich eben nicht als konkrete Objekte, sondern eher abstrakt verdinglichen sollen, geht es bühnentechnisch richtig zur Sache. Das visuelle Konzept von Nanna Neudeck und Christian Schlechter schafft den schmalen Grad mühelos und wartet am Ende sogar noch mit einer Überraschung auf.

Herausragende darstellerische Leistung

Nadja Brachvogel für ihre darstellerische Leistung in Der kleine hässliche Vogel, Follow the Rabbit, Graz
Gefangen in der Monotonie eines tristen Büroalltags spielt Nadja Brachvogel den kleinen hässlichen Vogel als scheue Aktendeckelexistenz. Dabei beherrscht sie die gesamte Palette unterschiedlichster Grautöne und schweigt lauter als das von ihr erträumte Vögelchen je singen wird. Mit sparsam eingesetzter Mimik und Gestik berührt sie durch ihre zaghafte Mutlosigkeit, tragikomisch, uneitel, verzweifelt: Selten war schüchtern auf der Bühne so interessant.

Dinah Pannos für ihre darstellerische Leistung in Hamlet Generation XYZ, Wiener Klassenzimmertheater, Wien
Liebe und Wut, Verzweiflung und Weisheit: In der aus Klassenzimmersicht gedachten Bearbeitung des „Hamlet“-Stoffes holt Dinah Pannos als Ophelia das große Drama im kleinen Raum ganz nah an die SchülerInnen heran. Ihre Darstellung ist lebensecht und berührend: Wenn sie ausflippt, wissen wir genau, wie es ihr geht. Wenn sie neben dir sitzend mit Hamlet knutscht, hält selbst der zynischste Mitschüler den Atem an. Und wenn sie auf die Zeit mit ihrem toten Freund zurückblickt, ist es, als hätte die erzählte Geschichte gerade Jahre und nicht einfach nur 50 Minuten gedauert.

Richard Schmetterer für seine darstellerische Leistung in Schüler, die auf Lehrer starren!, TheaterFOXFIRE & DSCHUNGEL WIEN, Wien 
Schauspieler spielen Lehrer, die Schüler spielen, die auf Lehrer starren. Diesen Wettbewerb meistert der Teilnehmer in Gelb besonders eindrücklich. Vom Jugendlichen, der seine Homosexualität entdeckt, bis zum gänsehauterweckenden Krawuzikapuzi-Kasperl: Richard Schmetterer grenzt Alt und Jung in sich mit einer feinen Grenzlinie ab: eine so krasse wie nuancierte Darstellungsachterbahn.