STELLA13: Nominierungen – Begründungen der Jury

 

Die STELLA13-Jury begründet ihre Entscheidungen für die Nominierungen des bevorstehenden STELLA13 in der Steiermark:

HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR JUGENDLICHE

Mit KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER gelingt dem Landestheater Innsbruck eine beeindruckende Produktion. „Krieg“ ist reich an Gedanken, reduziert in den Mitteln und bestechend in Ausdruck und Inhalt. Es ist schwer, die Menschen dazu zu bringen, sich mit ihrer direkten Umgebung auseinander zu setzen, doch die  Produktion schafft es auf eindringliche Weise, das Publikum aktiv zu halten und zum Denken anzuregen. Das Stück sagt: Stell Dir vor – und dann wird erzählt, es wäre nicht die arabische oder afrikanische Welt, die im Chaos des Krieges versinke, sondern es ist Europa. Die Geschichte wird zur fühlbar eindringlichen Realität – ohne moralisch zu sein. Die beeindruckende schauspielerische Leistung von Sergej Gößner, der immer im direkten Kontakt mit seinem jungen Publikum steht und ihnen auf Augenhöhe begegnet, trägt dieses Stück Erzähltheater.

Alle kennen die Geschichte von „Johanna von Orléans“ und unzählige Dichter von Schiller bis Brecht haben die Legende dieser tapferen jungen Frau in ihren Texten verarbeitet. Johanna war die erste Frau, die in den Krieg zog! Der Produktion JOHANNA ist das Kunststück gelungen, ein im klassischen Theater häufig dargestelltes Thema mit frischem Blick zu sehen und um eine moderne Realität zu ergänzen. Das Spiel der vier jungen Schauspielerinnen ist kraftvoll, mutig und überzeugend. JOHANNA ist eine zweifellos bestechende zeitgenössische Produktion für ein junges Publikum, die einen fröhlich fragenden Blick auf unsere komplexe Welt wirft. Eine klare Aufforderung wird gesetzt, mutig zu sein und die Welt zu verändern.

WOLF, eine Koproduktion von DSCHUNGEL WIEN und dem MUZtheater (NL), ist eine schlichte, überraschende, sensible Inszenierung – pur, direkt, gewitzt, unerwartet poetisch und spannend. Mit sehr sparsamen Mitteln, sich ganz auf die hervorragenden Leistungen seiner Schauspieler verlassend, inszeniert Theo Fransz  WOLF und verbindet dabei eine Werwolfgeschichte und eine Liebesgeschichte mit so sinnlichen Momenten und großartigen Dialogen, dass sie uns bis zum `blutigen’ Ende in ihren Bann zieht. Hervorragend spielen auch die eigens komponierte Musik und die Ausstattung in dieser hochemotionalen Inszenierung mit. 

 

HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR KINDER

Das musikalisch-visuelle Erzähltheater KATJA & KOTJA zeigt ein besonders schönes Zusammenspiel von Schauspiel, Text, Live-Musik und Lichtstimmungen und nimmt sich dabei mutig, lebendig und fast spielerisch der Themen ‚Verlust’ und ‚Abschied’ an. Kinder schaffen sich ihre eigenen Erklärungen mit oft nüchternen und kindlichen Imaginationen. Eine Fähigkeit, mit der wir ‚nüchtern betrachtet’ kaum umgehen wollen. werk89 nimmt diese Herausforderung an. Die Inszenierung vertraut der Vorlage und dennoch ist sie weit mehr als deren pure Illustration auf der Bühne. Die Geschichte mit dem bedrohlichen Szenario im Hintergrund wird mutig erzählt, ohne pathetisch zu sein und vermittelt trotzdem eine durchgehend poetische Atmosphäre,  die schlichte Ausstattung mit wunderschönen Projektionen und dem assoziativ vielseitig eingesetzten Gitarrenspiel von Martin Hemmer vervollständigt die gelungene Umsetzung.

Der Produktion AUSRASTN gelingt der Kunstgriff, ein Theaterstück mit zeitgenössischem Tanz und dem Bewegungsbedürfnis von Kindern in einer mit dem Publikum interagierenden Tanzvorstellung zu vereinen. Die Geschichte wird sehr liebevoll mit einfachen Mitteln und viel Humor in einer authentischen Atmosphäre erzählt. Die charmante Lehrerinnenfigur der Schauspielerin und Tänzerin Simone Kühle schafft es, durch ihre Leichtigkeit im Spiel und ihre sympathische Präsenz das Publikum im Klassenzimmer in ihren Bann zu ziehen. Ausgefeilte Materialien und kompetent geführte Klassengespräche direkt nach der Aufführung in der Schule komplettieren das zeitgemäße und publikumsnahe Grundkonzept des Wiener Klassenzimmertheaters.

DAS KIND DER SEEHUNDFRAU ist ein Gesamtkunstwerk und besticht durch sein eindrucksvolles Zusammenspiel von Live-Musik, Schauspiel, Tanz, Gesang, Bühne und Licht. Ein altes Inuit-Märchen wird durch großartige Darsteller auf sehr sinnliche und komplexe Art und Weise erzählt – beeindruckend ist hier der einfühlsame Umgang mit emotionalen Themen wie Sehnsucht und Liebe, Leidenschaft, Familie, Verlust und Tod. Besonders gelungen ist die Einbindung der Musikerinnen, die nicht nur Begleiterinnen sind, sondern mit ihrer Musik die Handlung bestimmen. Die Inszenierung von Sara Ostertag überzeugt durch eine faszinierende Leichtigkeit sowie einer verblüffenden Tiefe und fordert nicht nur das junge Publikum, sondern auch Erwachsene heraus.

 

HERAUSRAGENDE PARTIZIPATIVE PROJEKTE

KING A – EINE ODE AN JEDES RITTERHERZ überzeugt durch eine berückende Authentizität und Spielfreude der Darsteller sowie durch die kluge und einfühlsame Regie von Verena Kiegerl. Choreographierte Kampfszenen und eine schlichte Ausstattung, die vielseitig assoziativ eingesetzt wird, und vor allem der Einbezug persönlicher Geschichten der fünf jungen Spieler_innen mit Migrationshintergrund lassen sehr eindringliche Momente entstehen. Fragestellungen über Helden, Stärken und Schwächen, Fremde und Nähe, Träume und Möglichkeiten, bleiben nicht Theorie, sondern werden ganz nah an die Schauspieler und somit auch an das Publikum herangeführt.

Eine höchst präzise schauspielerische Leistung schaffen die sechs jungen Darsteller in  MÄNNER UND MASCHINEN. Die humorvolle und sehr stringente Inszenierungsidee von Simon Windisch verwandelt die Jugendlichen in völlig überhöhte Figuren, die sich mit gängigen Klischees und Vorstellungen von Mann-Sein und Männlichkeitsritualen auseinandersetzen. Begleitet und angestachelt durch archaische Trommelrhythmen außerhalb des „Boxrings“, wirkungsvollen Bewegungschoreographien und einer entsprechend „männlich-metallischen“ Ausstattung, werden typische Themen wie Wettkampf, Leistungssport, Gruppendynamik sowie auch Annäherungen an die Liebe, Sexualität und Verletzlichkeit publikumswirksam dargestellt. Meisterlich ist auch der selbstironische Blick auf das eigene Spiel.

Die Aufarbeitung der NS Zeit in Kärnten steht im Zentrum der Macht|schule|theater Produktion DENKMAL!. Ein historisches Faktum wird bespielt und in einen heutigen gesellschaftlichen Kontext gestellt. Die zeitgemäße Art der Darstellung der Opferschicksale ist berührend, packend, emotional verstörend, glaubwürdig und aufwühlend zugleich. Jede und jeder hat eine Position zu diesem ernsten Thema gefunden, sodass von nachhaltiger Wirkung ausgegangen werden kann. Dieses Projekt ist nicht nur genau recherchiertes dokumentarisches Theater, sondern auch ein Statement und ein Beweis für die Zivilcourage der jungen Menschen, die an diesem Projekt gearbeitet haben. Das Projekt wird auch nominiert, um diesen Mut auszuzeichnen.

 

HERAUSRAGENDE MUSIK

Die Musik von DER FUCHS, DER DEN VERSTAND VERLOR von Robert Lepenik schafft eine besonders gelungene Integration von Musik in ein Theaterstück. Vielseitige, humorvolle, herausfordernde Klänge und Geräusche, alle hochwertig produziert, treiben die Geschichte vorwärts. Die Gestalt der Sängerin und Darstellerin (Irina Karamarkovic) unterstützt in ihrem musikalischen Spiel den Verlauf der Geschichte und berührt mit ihrer ausdrucksstarken Stimme. Verstärkt durch ein offenes Bühnensetting, dem Einsatz von Sprache, Einspielungen und wunderbaren Gesangsnummern wird die Produktion zu einem musikalischen Erlebnis.

Die Musik für DAS KIND DER SEEHUNDFRAU von Jesse Broekman schafft es, mit klug und wirkungsvoll eingesetzten Mitteln die Welt der Seehunde zu evozieren. Die vielschichtigen Klänge, Geräusche, Lieder und Sprechgesänge der Sängerin und der drei Instrumentalistinnen (Viola, Klarinette, Flöte) sowie fein dosierte Sounddesign-Elemente unterstützen die Geschichte und machen sie physisch erlebbar. Die besondere Sinnlichkeit der gesamten Produktion wird überaus reizvoll über die Musik transportiert und vermittelt sich durch eine außergewöhnliche Präsenz der Musikerinnen, die mit intensiver körperlicher Darstellung ständig wechselnde Rollen übernehmen.

Ich rappe, weil ich etwas zu sagen habe!“ Simon Dietersdorfer ist Schauspieler und Rapper und erzählt eindrucksvoll seine Geschichte und seinen Zugang zum Rap. Die Musik von TRUE STORY  ist Thema, Inhalt und Basis der gesamten Produktion. Der Performer vermittelt auf sehr geschickte Art und Weise, was die Musik mit ihm macht und was die Texte ihm bedeuten. Er lebt und atmet seine Musik – sie steht im Zentrum des Stücks und wird geschickt in das Medium des Theaters transferiert. Die Texte verlassen dabei die gängigen Themen der Rap-Musik (Gewalt, Drogen, Sex). Stattdessen zeigt der Rapper auf, dass sich alle Gedanken, Gefühle und Geschichten im Rap ausdrücken und erzählen lassen. Der Produktion gelingt durch die authentische Darstellung eine sehr ehrliche Vermittlung von Jugendkultur und ist Ausdruck eines Lebensgefühls.

 

HERAUSRAGENDE AUSSTATTUNG

Die Ausstattung des Stückes PIETRO PIZZI entsteht während der Aufführung immer neu, wird live als Projektion unterschiedlichster Dinge, die real vorhanden sind, kreiert und verweist so genial auf den flüchtigen Charakter von Theatermomenten. Immer wieder verblüffend werden Alltagsgegenstände zu Spielanlässen und Situationen transformiert, in die die Schauspielerinnen mit großer Leichtigkeit einsteigen und daraus eine Geschichte entwickeln. Die Werkstatt ist mitten im Geschehen, überaus humorvoll wird das Werden von Bild und Geschichte kommentiert, die Überraschungen in jedem Moment ergeben ein umwerfend frisches, komisches, lustvolles Werken an Bild und Geschichte gleichzeitig.

Wie sinnlich ein Material sein kann, wenn damit gespielt wird, und wie phantastisch die Verwandlung eines Gedankens oder von Emotion in Sand wieder neue Bilder entwickelt, zeigt eindrücklich und hinreißend ein simpler, aber ziemlich großer Berg von Sand als Bühnenbild von WOLF. Die archaische Dimension der Erzählung bekommt einen greifbaren Boden, in den sich das Schauspiel, die Geschichte und bewegende Momente auf das Eindrücklichste eingraben und abbilden. Was der große Sandberg an Realismus kreiert, verwandelt gegenläufig dazu das blutrote Tuch eindringlich in eine Metaphorik von Zeitabläufen, gesellschaftlichem Kontext und Bedrohung.

In der Produktion HOME PARKOUR tanzt ein Haus mit den Tänzern und der Tänzerin und wird als einfacher Kubus zum genialen Partner und Ort für ein dynamisches Spiel. Elemente des Tanzes werden mit Leichtigkeit und überraschenden Ansätzen auf das Haus übertragen, es tanzt, wird benutzt und kann auch in seiner Eigenheit bestehen. Wunderschöne Bewegungssequenzen von Haus und Tänzer_in wechseln mit berührenden erzählenden Momenten. Der erweiterte Raum um den Kubus lässt Platz für Beziehungen, die in der Enge des möblierten Raumes dann eindringlich verdichtet werden. So werden Geschichten zwischen Menschen räumlich verortet und so sensibel wie präzise durch einen simplen Kubus offengelegt.