Feb 142015
 

Julia Perschon, Dramaturgin am DSCHUNGEL WIEN, im Gespräch mit der Regisseurin und Choreografin Silke Grabinger

Welche Aspekte machen es für Dich besonders spannend für ein jugendliches Publikum ab 14 Jahren zu inszenieren?

Ich versuche eine jugendliche und eine erwachsene Reflexionsebene zu verbinden und diese durch das Setting des Theaters zu kommunizieren. In der Reflexion und Interpretation gibt es kein Richtig und Falsch, keinen roten Faden, den man erkennen muss. Auf der Bühne werden verschiedene Bilder erzeugt, die Emotionen und Erfahrungen verbinden. Diese Bilder können auf verschiedenen Ebenen reflektiert werden – ästhetisch, emotional etc. Es gibt kein falsches Lesen der Bilder. Es geht mir auch nicht darum dem jungen Publikum etwas zu zeigen, etwas vorzutragen. Ich kann nur eine direkte Kommunikation erreichen, wenn ich mein Publikum verstehe, was sie beschäftigt, was sie aufnehmen können, was ihnen gefällt, was nicht. Mit 14 Jahren bist du meist in einem Alter des Aufbruchs, viele prägende Erlebnisse und extreme Erfahrungen passieren in dieser Zeit. Es wird oft der Grundstein für ein Wertesystem, für die Persönlichkeit, für Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ gelegt. Hormone und Emotionen „pushen“ Jugendliche in verschiedene Richtungen. Es ist auch die Zeit der großen Themen und Emotionen wie z.B. Liebe, Schmerz, Hass, Neid und Leidenschaft. Ich versuche diese Themen nicht direkt anzusprechen, sondern Blickwinkel auf die unterschiedlichen Facetten und Ausprägungen zu eröffnen. Der Körper als Mittel der Darstellung bietet hierfür eine gute Reflexionsfläche, da es um das Fühlen, sowie sehr sensible und feine Nuancen geht.

Welche Möglichkeiten bietet für Dich das Genre Tanz gegenüber anderen Formen der darstellenden Kunst? Arbeitest Du mit bestimmten Stilen?

Tanz ist eine internationale Körpersprache. Der Körper ist immer ehrlich, roh, voller Kraft und ein Mittel, das eigentlich eine sehr klare Sprache spricht. In meiner Arbeitsweise entstehen Bewegungen aus Emotionen im Körper. Erfahrungen der TänzerInnen werden übersetzt in Bewegungsmaterial und Szenen, die nicht erzählerisch, sondern eher bildhaft sind. Ich versuche auch in jeder neuen Produktion mit Tanzstilen und Methoden zu experimentieren, mit denen ich bis jetzt noch nicht gearbeitet habe z.B. im Falle von „PUSH IT“ mit Jazz-Dance und Body-Percussion.

Welche Themen oder Impulse spielen bei „PUSH IT: Liegestütz und Wonderbra“ eine Rolle und wie siehst Du diese in der jugendlichen Lebenswelt verortet?

Es gibt im Stück drei Formen des sogenannten „Pushes“. Einerseits den inneren „Push“, den man sich selbst gibt, um etwas zu tun. Andererseits den „Push nach vorne“, wenn man sich vielleicht noch nicht so sicher ist und erst einmal zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen zurückgeht. Dieser zweite „Push“ verbindet sich für mich dann auch mit einem „Push“ von außen, den eine andere Person initiiert. „Push“ bedeutet für mich einfach „einen Schritt voraus“. Spannend ist auch das Verhältnis zu untersuchen zwischen dem der pusht und demjenigen der gepusht wird. Des Weiteren beschäftigt sich das Stück mit Fragen wie z.B. Wann war oder ist es gut gepusht zu werden und wann ist es vielleicht zu viel oder werden Grenzen überschritten? Und wie ist das, wenn man manchmal gar nicht einschätzen kann, wohin ein Push führt? Der erste große „Push“ ist die Geburt, aber auch bei Themen wie Sexualität und Verliebt-Sein spielt dieses Phänomen eine große Rolle.

Wie kann man sich Deine Probenarbeit mit den TänzerInnen vorstellen?

Das Bewegungsmaterial wird mit den TänzerInnen zusammen erarbeitet. Ihre Charaktere und Persönlichkeiten fließen stark mit ein. Es gibt keine Geschichten oder Rollen die ihnen übergestülpt oder aufgesetzt werden. Es ist wichtig, dass die TänzerInnen ein komplettes Vertrauen in die Arbeit am Stück haben, dass sie und ich ihre Stärken und Schwächen verstehen und richtig einsetzen können. Dann kann ich sie auch auf positive Weise über ihre eigenen Grenzen hinaus „pushen“.

In Deinen Stücken findet sich meist auch Gesellschaftskritik. Wie sieht dies im Falle von „PUSH IT: Liegestütz und Wonderbra“ aus?

Mir ist es immer wichtig über den Tellerrand zu blicken und eine Reflexion darüber, was um uns herum passiert, miteinzubeziehen. Es gibt ja die verschiedensten gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen und da ergibt sich natürlich auch die Frage, in welche Richtung pusht man sich oder wird man gepusht und ist diese Richtung gut oder schlecht für einen selbst. Es stellt sich auch die Frage, in welche Richtung orientiere ich mich in der Gesellschaft? Auch Gruppendynamiken sind ein wichtiges Thema wie ist das z.B. wenn eine neue Person in die peer group kommt und dafür eine andere rausgepusht wird. Und dann darüber hinaus auch der Push in unserer Gesellschaft immer höher, immer weiter, immer mehr. Die Suggestion du musst mehr und besser sein als nur du selbst.

Silke Grabinger ist Tänzerin und Choreografin. Mit ihren Kompanien SILK Cie und SILK Fluegge arbeitet sie für ein erwachsenes bzw. ein junges Publikum. In ihren Arbeiten und Konzepten verbindet sie urbanen, zeitgenössischen Tanz mit performativer Kunst. Ein besonderes Augenmerk liegt u.a. auf der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen. Ihre Arbeiten sind den U.S.A, Kanada und Europa zu sehen – in Wien u.a. bei ImPulsTanz und im DSCHUNGEL WIEN. Für Jugendliche zeigt sie zuletzt „Antifragil“ dort. Kommenden Donnerstag, 19. Februar, feiern sie mit der Tanz-Uraufführung „PUSH IT: Liegestütz und Wonderbra“ (14+) Premiere am DSCHUNGEL WIEN.