Jan 082014
 

Kai Krösche im Gespräch mit Dr. Dr. h.c. Marion Victor vom Verlag der Autoren.

Frau Victor, in Ihrer Rede beim Empfang der Verlage im Rahmen des Frankfurter Autorenforums im vergangenen Dezember kritisierten Sie scharf eine Äußerung des aktuellen Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann, in der er argumentiert, Kulturarbeit sei gerade dort erfolgreich, wo sie sich als „Schmiermittel sozialer Infrastruktur, Wirtschaftsförderer und Integrationsmotor, Stadtentwicklungs-programm und Präventionsstelle versteht – also Aspekte der Kultur berücksichtigt, die eben nicht etablierte Kunst sind“. Wo sehen Sie das Problem in dieser Betrachtungsweise?

Das Problem an Feldmanns Äußerungen ist, dass er gar nicht versteht, was Kunst ist. Dass Kunst nämlich eine kreative Lebensäußerung ist, die das Alltägliche in einem neuen Licht erscheinen läßt, die deshalb Fragen aufwirft, die einen spielerischen Umgang ermöglicht, die sich den Regeln einer vollständig durchökonomisierten Welt nicht unterwirft, die nicht praktisch ist. Schubladen, wie etabliert oder nicht etabliert, haben nichts mit künstlerischem Denken zu tun, sondern missachten eben dieses.

Ihre Rede war auch ein Plädoyer für ein Theater, das weiterhin den Autor als zentrale künstlerische Kraft in die Produktion miteinbezieht. Zeitgleich scheinen Sie um ebendiese Form von Theater besorgt – sehen Sie eine aktuelle Tendenz, den Autor aus dem Theaterprozess zu verdrängen?

Genau. Zumindest in Deutschland vergibt die Kulturpolitik zusätzliche Mittel fast ausschließlich, wenn Bildung oder Pädagogik im Vordergrund stehen, konkret: sie fördert am liebsten Projekte mit Jugendlichen, in denen es keinen Autor gibt. Das Ergebnis ist, dass mindestens ein Drittel der Produktionen an den Kinder- und Jugendtheatern im Moment ohne Autor oder Autorin stattfindt.

Wie könnte man dieser Tendenz entgegenwirken – ohne die Entwicklung neuer Formen künstlerischer Produktion zu verhindern?

Einfach indem man die Autoren und Autorinnen in diese Entwicklung mit einbezieht.

Dr. Dr. h.c. Marion Victor wurde 1949 in Reutlingen geboren. Studium an der Kunstakademie Stuttgart und an der Universität Stuttgart. Dramaturgin an Theatern in Ulm, Freiburg und Zürich. Freie Mitarbeit beim SWF. Seit 1985 Lektorin im Verlag der Autoren in Frankfurt am Main. Von 1986 bis 2007 Herausgeberin der jährlich erscheinenden Anthologie „Spielplatz“. Von 1989 bis 2010 Geschäftsführerin im Verlag der Autoren. Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbands deutscher Bühnen- und Medienverlage.

Mehr Kritik an der Äußerung Peter Feldmanns sowie weitere Infos zu Marion Victors Rede anlässlich des Frankfurter Autorenforums hier.