Okt 072013
 

Christoph Thoma im Gespräch mit Frank Röpke vom Schauspiel Essen, Mitglied der internationalen Jury des STELLA13.

Lieber Frank, kulturelle Bildung ist ein gern gehörtes Schlagwort von PolitikerInnen. Wie positioniert sich das Schauspiel Essen in diesem weiten Feld der Kulturvermittlung?

Das Schauspiel Essen beschäftigt seit Beginn der Intendanz von Christian Tombeil im September 2010 zwei feste Mitarbeiter in der Abteilung Theaterpädagogik. Hinzu kommen freie Mitarbeiter (Kulturpädagogen, Bühnenbildner, Bewegungsspezialisten), die Projekte entweder alleinverantwortlich leiten oder uns mit ihrer spezifischen Fachkompetenz punktuell unterstützen. Weiterhin arbeiten wir eng mit den KollegInnen der kulturvermittelnden Abteilungen des Aalto-Theaters und der Philharmonie zusammen, die mit dem Schauspiel zur Familie der Theater und Philharmonie Essen (TUP) gehören. Gemeinsam mit den TheaterpädagogInnen der anderen Schauspielhäuser im Ruhrgebiet (Castrop-Rauxel, Bochum, Dortmund, Duisburg, Mülheim und Oberhausen) organisieren wir einmal jährlich das „Unruhr-Festival“, bei dem sich unsere Jugendtheatergruppen gegenseitig ihre Stücke/Arbeitsergebnisse einer Spielzeit zeigen – flankierend wurde von uns (in Zusammenarbeit mit Michael Wimmer von Educult) der „Treffpunkt ‚Kulturelle Bildung’“ initiiert, bei dem sich unterschiedliche Akteure aus den Bereichen Theater, (Hoch-)Schule, Jugendamt und Soziokultur über kultur- und bildungspolitische Entwicklungen austauschen.

Im Hinblick auf das Theater (mit professionellen Kräften) für junges Publikum arbeiten wir eng mit der Assitej Deutschland bzw. mit dem regionalen Arbeitskreis für Nordrhein-Westfalen zusammen. In diesem Zusammenhang ist das Schauspiel Essen im Mai 2014 Ausrichter des Westwind-Festivals, in dessen Rahmen die zehn besten NRW-Inszenierungen für Kinder und Jugendliche gezeigt werden. Hier sitzt übrigens Euer ehemaliger Geschäftsführer Kolja Burgschuld in der Auswahljury.

Welchen Stellenwert „Kulturelle Bildung“ an unserem Haus hat, zeigt das gewachsene Netzwerk in der Stadt: Wir werden inzwischen von Stiftungen und Partnern aus der Privatwirtschaft unterstützt, insbesondere von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die unsere Arbeit für ganze fünf Jahre fördert. Außerdem entwickeln wir mit städtischen Institutionen wie Jugendamt und Jugendhilfe gemeinsam (!) Konzepte, wie wir Kinder und Jugendliche in den Außenbezirken (noch) besser erreichen können, und stellen unsere Theaterkompetenzen der Arbeitsagentur zur Verfügung, um deren Mitarbeiter in ihrer Arbeit mit langzeitarbeitslosen Jugendlichen zu unterstützen. Parallel erfährt unser Angebot für Schulen immer mehr Zuspruch und die Casting-Termine für die Projekte des (außerschulischen) Theaterlabors sind völlig überlaufen. Es hat sich also sehr gut herumgesprochen, dass sich Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren am Schauspiel Essen kreativ entfalten und eigene Projekte wie das „Festival ‚Spielschau Essen’“, die „Kritikerrunde“ oder „Lottes Laden – Junge Musiker in der Heldenbar“ auf den Weg bringen können.

Du hast einige Jahre in Wien „Theater in Arbeit“ aufgebaut und geleitet. Wie nimmst du die österreichische Szene heute wahr?

Ich tausche mich laufend mit meinen beiden Kolleginnen von Theater in Arbeit – Katharina Kolar (gegenwärtig am theaterpädagogischen Institut in Lingen/Ems) und Vanda Sturdza (u.a. Nationaltheater Bukarest) – darüber aus, was in Österreich im Hinblick auf das Theater für bzw. mit Kindern und Jugendlichen läuft. Immerhin haben wir jahrelang in Wien gelebt und für tolle Institutionen gearbeitet, die auch über die Landesgrenzen hinaus eine große Strahlkraft besitzen. Allen voran natürlich die Wiener Festwochen, wo wir insgesamt vier Jahre beim Aufbau der Programmlinie „jugendFREI“ mitwirken konnten – aber selbstverständlich auch der Dschungel, auf dessen Homepage immer wieder neue junge Ensembles auftauchen und gleichzeitig Informationen über die aktuellen Arbeiten renommierter Größen zu finden sind. Weiterhin kommt man um Eure internationalen Festivals wie beispielsweise das Schäxpir-Festival in Linz im vergangenen Juni nicht herum: Das Programm ist im Hinblick auf die internationalen Gastspiele als auch auf die Vorträge und Diskussionen beim parallel stattfindenden Assitej International Meeting eine irrsinnige fachliche Bereicherung. Das Gleiche gilt wahrscheinlich auch für Szene Bunte Wähne, das sich unter der Leitung von Yvonne Birghan-van Kruyssen ja neu ausgerichtet hat – bisher habe ich es aus terminlichen Gründen leider noch nicht geschafft, nach Horn zu fahren.

Worüber Katharina, Vanda und ich vor einigen Wochen erst gesprochen haben, ist, ob das Modell von Theater in Arbeit heute immer noch so funktionieren könnte: Als freies theaterpädagogisches Ensemble für unterschiedliche Theater- und Schulpartner tätig werden und ein Gesamtbudget erwirtschaften, von dem alle drei leben können. Das funktionierte, weil es damals ausschließlich am Theater der Jugend eine theaterpädagogische Abteilung gab. Inzwischen ist die Junge Burg eine feste Größe geworden, das Volkstheater beschäftigt einen Theaterpädagogen, das Theater in der Josefstadt ebenfalls, dazu die Programme von Festwochen jugendFREI und der Jungen Oper an der Wien, plus weitere Aktivitäten an anderen Institutionen – die Theaterpädagogik ist nachhaltig in Wien angekommen. Das finden wir natürlich großartig.

Wir freuen uns, dich als Juror der Final-Jury des STELLA13 in der Steiermark zu begrüßen. Was bedeutet für dich Qualität im Kinder- und Jugendtheater?

Grundsätzlich mache ich keinen Unterschied zwischen Theater für junges und erwachsenes Publikum. Das passiert erst, wenn ich mir Gedanken darüber mache, für welche Zielgruppe sich eine Aufführung eignen könnte. Aber ich für mich persönlich liebe Arbeiten von René Pollesch, Hermann Schmidt-Rahmer, Christoph Marthaler oder Rimini Protokoll – andererseits beeindrucken mich Inszenierungen wie „Alice“ vom Jungen Schauspiel Hamburg, „Schwester“ vom Theater Marabu in Bonn oder „Jacobsneus“ des Genter Studio Orka extrem. Entscheidend ist dabei in erster Linie immer, dass ich das Gefühl haben muss, dass ein Regisseur bzw. das gesamte Ensemble sein Handwerk beherrscht und mit den Mitteln des Theaters gezielt jongliert; die Inszenierung also nicht „schmal“ daherkommt und sich nur auf das gesprochene Wort einer Einzelfigur verlässt oder mit Bühnenvorgängen geizt; sondern den Gang ins Interdisziplinäre sucht, z.B. Elemente aus dem Tanz einfließen, mal ein Objekt im Mittelpunkt steht oder die Bewegungsqualität durch das Kostüm beeinträchtigt wird. Ganz wichtig ist für mich das Bewusstsein für den Raum, das Einlassen auf seine architektonischen Eigenheiten, sowohl im Hinblick auf das Bühnenbild, den Umgang mit Licht- bzw. Klangelementen, als auch in der Anlage der Spielweise. Ich will auf mehreren Ebenen intellektuell herausgefordert und emotional mitgerissen werden, egal ob die Aufführung klassisch linear oder postdramatisch angelegt ist.

Frank Röpke arbeitet seit 2010 für das Schauspiel Essen. Davor war er als Theaterpädagoge für die Wiener Festwochen tätig und gründete die theaterpädagogische Plattform „Theater in Arbeit“ mit Projekten am DSCHUNGEL WIEN, bei SZENE BUNTE WÄHNE und dem Salon 5. Ein Stipendium der Stadt Wien brachte ihn unter anderem zur Kopergietery nach Gent. Seine Theaterausbildung erhielt er bei Peter Simhandl (UdK Berlin), zudem studierte er Kulturmanagement an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit 2013 ist er Sprecher des Arbeitskreises für Kinder- und Jugendtheater in Nordrhein-Westfalen.