Sep 242013
 

Christoph Thoma im Gespräch mit Anna Badora, Intendantin des Schauspielhauses Graz

Kunst für junge Menschen – Verpflichtung oder aktueller Zwang, wie reagieren Sie mit Ihrem Programm auf eine Gesellschaft, die sich im Wandel befindet?

Die Veränderung der Gesellschaften durch das alle Grenzen überwindende hierarchielose Internet und seinen nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des Mitmachens kann von den Bühnen nicht ignoriert werden und wird es auch nicht. Wir haben am Schauspielhaus Graz bereits 2008 in Kooperation mit fünf weiteren Europäischen Theatern das von der Europäischen Union geförderte und später preisgekrönte Projekt „Blog The Theatre“ (blogtheatre.beep.com) ins Leben gerufen. Es ging um die Aufspürung von Lebenswirklichkeiten, die in diesen Ländern aus Weblogs junger Menschen destilliert und für die Bühne adaptiert wurden. Seit zwei Spielzeiten haben wir – in Kooperation mit der Europäischen Theaterunion UTE  – das Mitmachprojekt „Atelier 200“ für erwachsene Laien und „Atelier der Jugend“ auf die Bühne gebracht (atelier200.beepworld.de). Mit BürgerInnen der Stadt wurde an zwei Tagen Theaterarbeit intensiv erlebt. Die Nachfrage und Begeisterung bei Erwachsenen und Jugendlichen war enorm. Unser 2005 am Schauspielhaus Graz gegründetes Kunstvermittlungsmodell „Schauspiel Aktiv!“ ruft an Schulen und am Theater große Resonanz hervor und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Bildung von Kinder und Jugendlichen. SchülerInnen werden auf den Besuch von Theaterinszenierungen vorbereitet, und gleichzeitig bekommen LehrerInnen Theatertechniken vorgestellt, die sie im eigenen Unterricht verwenden können. Über 30.000 SchülerInnen haben bereits daran teilgenommen. Das Projekt Schauspiel Aktiv! wurde von Beginn von Bundesministerin Dr. Claudia Schmied und dem Bildungsministerium unterstützt.

Das Schauspielhaus Graz ist eines der wichtigsten Häuser im deutschsprachigen Raum. Welche Rolle nimmt die darstellende Kunst für junges Publikum ein?

Junges Publikum ist nicht nur das erwachsene Publikum und die Gestalter der Gesellschaft von morgen. Das Theater spornt sie zu eigener Kreativität an. Sie erwerben durch die Auseinandersetzung mit den Theaterstücken auch soziale, moralische, aber auch ästhetische Kompetenz.

Besonders herausragend sind auch die Inszenierungen von Ihnen, Frau Intendantin. Wäre es nicht eine Verpflichtung von Ihnen als Chefin, auch spezifisch für junges Publikum zu inszenieren, sollten doch gerade junge Menschen mit der höchsten künstlerischen Qualität konfrontiert werden?

Alle meine RegisseurInnen streben nach höchster künstlerischer Qualität. Stücke wie „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, „Die Leiden des jungen Werther“, „Käthchen von Heilbronn“ oder meine „Verbrennungen“ sprechen durch die darin behandelten Themen Jugendliche unmittelbar an. Und nicht zu vergessen: Unser Kinder- und Jugendtheater „Next Liberty“, eine Schwesterngesellschaft im Verbund der Theaterholding Graz/Steiermark, ist für Inszenierungen von Stücken, speziell für diese Zielgruppe, zuständig.

Der STELLA13 ist zu Gast am Schauspielhaus Graz. Was erwarten Sie sich für einen Impuls für Ihr Haus?

Richtig gute Inszenierungen für Kinder und Jugendliche zu machen ist nicht einfach. Aber gerade deshalb bin ich so begeistert, dass der STELLA es sich zur Aufgabe macht, jedes Jahr die besten Inszenierungen heraus zu finden, zu prämieren und zu präsentieren. Sie zeigen, was Kinder- und Jugendtheater heute leisten kann.

Anna Badora stammt aus Polen, studierte Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für darstellende Künste in Krakau und war erste weibliche Absolventin des Regiestudiums am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Hospitanzen und Assistenzen führten sie zu Giorgio Strehle, Peter Zadek und an das Schauspielhaus Köln. Sie arbeitet als Regisseurin in Basel, Essen, Ulm, München Wien und Darmstadt, war von 1991 bis 1996 Schauspieldirektorin beim Staatstheater Mainz, von 1996 bis 2006 Generalintendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses und seit 2006 geschäftsführende Intendantin des Schauspielhauses Graz. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Nestroy für die beste Regie und der Verleihung des Berufstitels „Professorin“.