Nov 132012
 

Ein Gespräch mit dem PARKAUE-Intendanten Kay Wuschek.

Lieber Kay, im April 2012 warst Du gemeinsam mit Martina van Boxen und Sandra Hoffmann Mitglied der internationalen Jury des STELLA12. Welche Eindrücke konntest Du persönlich gewinnen? Was hat Dich beeindruckt? Wo setzt Deine Kritik an?

Die Situation bei „STELLA 12“ war eine besondere. Die Inszenierungen wurden an verschiedenen Orten in einem Bundesland gezeigt. Dies erschwert die Entstehung eines Festivalgefühls. Möglicherweise gibt es nichts Schwierigeres als eine objektivierende Einschätzung künstlerischer Leistungen. Eine solche Einschätzung ist schwerlich zu trennen von den Produktions- und Aufführungsbedingungen der jeweiligen künstlerischen Arbeit. Den Diskurs darüber erlebte ich sehr vielfältig, mal offen, mal ängstlich, mal neidvoll, mal neugierig. Da waren die Diskussionen innerhalb der internationalen Jury sehr intensiv und führten zu einem klaren Votum. Wie richtig und gut es ist, auf diesem Festival Preise zu vergeben, mag Ansichtssache sein, beim Festival „Augenblick Mal“ in Deutschland gibt es das nicht. Dies entschärft die teilweise unumgängliche Konkurrenzsituation wesentlich. Andererseits ist natürlich die Einbindung der lokalen und nationalen Politik in diesen leider sehr schnell marginalisierten Bereich von Theater für ein junges Publikum wichtig, und so meine Hoffnung, auch wirksam.

Am 24. November bist du erneut unser Gast – diesmal im Kontext des Symposiums „Spiel mir nichts vor!“, im Rahmen dessen wir mit SchauspielerInnen, DramaturgInnen und künstlerischen LeiterInnen über verschiedene Perspektiven auf den Schauspieler bzw. das (Schau-)spielen für ein junges Publikum werfen wollen. Verlangt ein spezifisches – ein „junges“ – Publikum eine spezifische Spielweise? Wie gehst Du damit am THEATER AN DER PARKAU um?

Kunst, und ganz besonders die Theaterkunst ist eine sehr eigensinnige Form der Weltaneignung. Hier finden Übersetzungen von Welt in Ästhetiken, Spielweisen, verschiedensten Erzählformen usw. statt. Muss man, so wie man Buchstaben lesen lernt, auch Kunst lesen lernen? Wir am THEATER AN DER PARKAUE versuchen in vielfältigster Form eine Bekanntschaft mit der Betriebsform und der Kunstform Theater zu dealen. Dabei spielen Alphabetisierungsprozesse eine große Rolle. Bei uns gehen also die Schauspieler nicht auf Knien, nur weil ihr Publikum kleiner ist, sondern beide versuchen aneinander zu wachsen. Es gibt nicht die eine Spielweise, es gibt nicht das eine Publikum. Eines aber ist sicher, sobald das Publikum merkt, dass das Geschehen auf der Bühne ihn nicht braucht, also ohne ihn auskommt, entkoppelt sich das Ganze und geht verschiedene Wege. Die Kopplungen von oben und unten (Publikum und Bühnengeschehen) können und müssen vielfältig sein. Ein Frontaltheater kopiert nur den Frontalunterricht mit anderen Mitteln. Für all das braucht es Lust, Liebe und Leidenschaft und die immer währende Suche nach einem Theater, welches in 20 Jahren zu begeistern vermag. Wir kennen es nicht. Aber den Rucksack für diese Reise dahin packen wir aus dem gesamten Universum des Theaters täglich neu.

Im Rahmen von STELLA12 habt ihr den Jurypreis an eine Initiative zur Zusammenarbeit zwischen Schule und Theater verliehen, die im Rahmen von STELLA in Liechtenstein ins Leben gerufen wurde: “Die Zusammenarbeit von Theatern und Schulen ist leider keine Selbstverständlichkeit“. Am THEATER AN DER PARKAUE entwickelst Du seit Jahren Projekten wie die Winterakademie, ihr seid Partner der Projekte TUSCH! Und TUKI. Welche Herausforderungen stellen sich?  Welche Wege schlagt ihr ein?

Wir überreden Künstler, die wir aufgrund ihrer künstlerischen Praxis und ihres Handwerks großartig finden, für oder mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Wir begleiten diese Prozesse vielfältig und diese Vielfalt ist sowohl Motto für unseren Spielplan als auch für sämtliche partizipatorische Projekte und Formate. Dabei gilt es im Wesentlichen sich von den Eigenklischees zu befreien, Räume zu schaffen, in denen sich die Institutionen Schule und Theater von ihren eigenen Mythen befreien können oder diese neu buchstabieren und lesen lernen. Nur dadurch kann ein tradierter Erwartungshorizont durchbrochen werden und Formate der gegenseitigen Befragung, Teilhabe und Suche entstehen, die auf Inszenierungsprojekte zurückwirken oder Anstoß zu neuen künstlerischen Formaten werden. Wie das im Einzelnen aussieht, kann unter der Internetseite www.parkaue.de aufgespürt werden. Dass dabei große künstlerische Glücksmomente neben Überforderung, Scheitern und Konflikten zu finden sind, liegt in der Sache selbst. Davon weiß jeder Abenteurer zu berichten.

Kay Wuschek arbeitete als Dramaturg und Regisseur u.a. in Deutschland, Bulgarien und Russland. Er ist Mitglied im Rat für die Künste für Berlin und seit 2010 einer der Sprecher des Gremiums. Seit 2009 ist er Mitglied im Ausschuss für künstlerische Fragen im Deutschen Bühnenverein. Am 24. November ist er in Salzburg beim ASSITEJ-Symposium „Spiel mir nichts vor!“ in Salzburg zu Gast.

Interview: Kolja Burgschuld