Nov 202012
 

Ein Gespräch mit Annemarie Mitterbäck, Leiterin der Kinder- und Jugendprojekte bei der Jeunesse Österreich.

Liebe Annemarie, wann ist für dich ein Kinderkonzert eine gelungene Veranstaltung?

Ein Kinderkonzert kann so viel sein – aufregend, frech, lustig, poetisch, wild, gefährlich, ja es kann sogar traurig oder träumerisch sein – so viel wie das Leben selbst. Wichtig ist immer die authentische Übertragung der musikalischen Aussage auf das Gesamtkonzept. Das Essentielle (neben den Grundparametern wie beispielsweise die Ausrichtung des Konzepts auf das potenzielle Publikum oder die Berücksichtigung der situativen Besonderheiten) ist für mich dabei, dass die Musik den Kern des Ganzen bildet und die Ästhetik, die Interaktionen, den Einsatz der Sprache und den gesamten dramaturgischen Bogen gestaltet. Die Musik muss sich in der Gesamtästhetik des Konzerts, Spektakels oder Musiktheaters widerspiegeln. Wenn sich dies mit höchster musikalischer Qualität, kreativer Experimentierlust und der Einbindung unterschiedlichster künstlerischer Sprachen verbindet – dann ist es für mich besonders gelungen.

Du kommst aus der Musikvermittlung und hast unter anderem bei den Berliner Philharmonikern gearbeitet, quasi in der Lokomotive der Musikvermittlung. Was nimmst du für deine neue Aufgabe bei der Jeunesse aus diesen Erfahrungen mit?

Die Jahre in Berlin waren für mich äußerst spannend und sehr prägend. Einerseits die Stadt Berlin an sich, mit ihren unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Ausprägungen, deren Spannungen und Aufbrüche in der gegenwärtige Kunst und Kultur sich immer wieder neu ausprägt und gestaltet, sowie andererseits die Zusammenarbeit mit den vielen großen Künstlern unterschiedlichster künstlerischer Sparten, den Musikern der Berliner Philharmoniker und vor allen Dingen Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller Lebensrealitäten, die alle eine Heimat in Berlin gefunden haben. Der höchste Anspruch an alle Mitwirkenden in der Annäherung und Erschaffung eines solchen Kunstwerkes und die daraus resultierende Intensität, sehe ich für mich als ein Selbstverständnis an, welches sich immer wieder von neuem abzuringen gilt.

Für die Jeunesse Österreich sehe ich im Konkreten mein Wirken darin, die hohe Qualität der Kinder- und Jugendkonzertreihen der Jeunesse weiterzutragen, das internationale Netzwerk im Bereich Musikvermittlung zu stärken um sich im gegenseitigen Austausch anzuregen sowie meine langjährigen Erfahrungen in der kreativen Projektentwicklung verstärkt einzubringen.

Kommen wir nochmals zur Musikvermittlungslokomotive. Wie willst du in den nächsten Jahren die Szene aufmischen, welche Herausforderungen kommen auf uns im Bereich der Kinder- und Jugendkonzerte zu?

Inhaltlich halte ich es für die entscheidende Aufgabe der nächsten Jahre, auf die gesellschaftlichen Veränderung zu reagieren – sie zu reflektieren und Angebote und Formate zu entwickeln, die diese Diversität einer modernen Gesellschaft im urbanen Raum als selbstverständlich annimmt und entsprechend auf sie reagiert.Wobei ich mich hier von Aktionen oder Projekten distanziere, die zielgruppenorientiert nach ethnischen Kriterien Programme anbieten.

Unsere Herausforderung wird auch in Zukunft die Frage der Finanzierung dieser qualitativ hochwertigen Kindermusiktheaterproduktionen sein, die mehrere Kunstparten übergreifen sollen und hohe Professionalität von mehreren Seiten beinhalten. Ich denke an einen Ausbau der Koproduktionen mit anderen größeren Häusern, wie wir es auch heute schon tun. Ich plädiere für einen regen Austausch und eine offene Zusammenarbeit für und mit unterschiedlichsten Menschen, um im Sinne der Kunst frische Impulse setzen zu können.

Annemarie Mitterbäck studierte Musikwissenschaften, Musikerziehung und Französisch. 2006-2010 war sie Projektleiterin im Education-Programm der Berliner Philharmoniker. Durchführung zahlreicher kunstspatenübergreifender Projekte mit Menschen unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft  in Berlin, Aachen, Salzburg und New York. Preisträgerin des YEAH! Young European Award 2011 sowie Jurymitglied des jop und Fachbeiratsmitglied des netzwerk junge ohren. Seit September 2012 leitet sie die Kinder-und Jugendprojekte der Jeunesse Österreich

Interview: Christoph Thoma