Okt 302012
 

Ein Gespräch mit dem Experten für Social Media und EU-Projekte, Christian Henner-Fehr.

Du bist ein ausgewiesener Social Media-Experte. Hand aufs Herz, was bringt soziale Vernetzung einem Kulturbetrieb?

Provokant gesagt bringt Vernetzung um ihrer selbst willen gar nichts.

Aber der Reihe nach. Das interessante daran ist, dass sich ein Kulturbetrieb ja nicht vernetzen kann, sondern nur die Personen, die für ihn sprechen. Das sind im Social Web nicht mehr nur die offiziellen Stellen wie etwa PR, sondern wirklich alle, die über die sozialen Netzwerke kommunizieren. Das bedeutet, ein Kulturbetrieb muss gar nicht über eigene Accounts verfügen und trotzdem wird vielleicht schon über ihn gesprochen. Ob positiv oder negativ, wenn Social Media offiziell kein Thema ist, dann erfasst niemand, wie der Kulturbetrieb dort im Web wahrgenommen wird. Was ein Fehler ist, denn so kann man gar nicht darauf reagieren.

Ich muss als Kulturbetrieb also gar nicht aktiv sein, sondern profitiere schon davon, wenn ich gut zuhöre, was über mich im Web, in den sozialen Netzwerken gesprochen wird. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse kann ich dann für PR, Marketing, Kunstvermittlung, etc. nutzen.

Was bringt uns soziale Vernetzung generell? Vereinfacht gesagt geht es in sozialen Netzwerken um den Aufbau von Beziehungskapital. Beziehungen müssen so gepflegt werden, dass sie im Bedarfsfall aktiviert werden können. Wer nur darauf wartet, dass andere auf einen zugehen, wird von seinem Netzwerk nie profitieren können. Netzwerke funktionieren nur, wenn es ein Geben und Nehmen gibt. Das heißt: Nicht nur der Kulturbetrieb, wir alle stehen in den sozialen Netzwerken vor der Frage, was wir anbieten sollen. Erst dann haben wir die Chance, von der sozialen Vernetzung zu profitieren.

Du bist auch Experte in Sachen EU-Förderungen. Warum schaffen wir es immer noch nicht, mehr europäische Kooperationsideen in die Tat um zu setzen?

Ich sehe das nicht so pessimistisch, im Vergleich mit den anderen EU-Staaten holen österreichische Kultureinrichtungen beim Kulturförderprogramm überdurchschnittlich viel Geld aus Brüssel. Insofern kooperieren hier bereits sehr viele Kultureinrichtungen auf europäischer Ebene und setzen entsprechend viele Ideen in die Praxis um. Hinzu kommen noch all diejenigen, die ohne EU-Fördermittel international arbeiten.

Fragt man bei den großen Kulturbetrieben nach, dann sind die mittlerweile international recht gut vernetzt. Probleme sehe ich eher bei den „Kleinen“, denen es strukturbedingt an entsprechenden Ressourcen mangelt. Es gehört in meinen Augen schon so etwas wie unternehmerischer Mut dazu, eine kleine Kultureinrichtung international auszurichten. Hinzu kommt, dass es natürlich auch in finanzieller Hinsicht nicht so ganz einfach ist, hier bestehen zu können. Nur über den Cashflow lässt sich ein Betrieb dann nicht mehr steuern, das heißt, es bedarf auch der entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten, um den eigenen Betrieb international aufzustellen.

Diese Fähigkeiten sind aber häufig nicht vorhanden, weil der Kunst- und Kulturbereich immer mehr über Projekte finanziert wird. Strategisches Denken ist so nicht mehr gefragt, weil es hauptsächlich darum geht, die Finanzierung des nächsten Vorhabens sicherzustellen. Insofern ist gar nicht so sehr das Geld das Thema, wie gesagt, da sind österreichische Kulturbetriebe recht erfolgreich, sondern das Know-how, um solche Großprojekte auch managen zu können. Aber das Thema Weiterbildung wird im Kunst- und Kulturbereich recht stiefmütterlich behandelt. Wer sich das antut, bekommt keine Wertschätzung, von finanzieller Unterstützung oder entsprechenden  Anreizen ganz zu schweigen.

Lass uns einen positiven Abschluss finden. Die Beschäftigung mit Kunst, sei das aktiv oder eben rezeptiv, ist ein essentieller Parameter für eine kreativ-diskursive Gesellschaft. Wann ist für dich eine Theateraufführung oder ein Konzertbesuch ein emotionales Erlebnis?

Wenn mich Musik oder Stück auf der emotionalen Ebene ansprechen. In der Musik ist das am einfachsten, denn wenn sie gut ist, beginnt sehr schnell das Kopfkino zu laufen. Ich erfinde meine eigene Geschichte zur Musik. Für ein Theater ist das viel schwieriger, denn hier kann ich mich nicht so einfach meinen Gedanken hingeben, schließlich wird ja vor mir gespielt. In diesem Fall ist es dann eher die Geschichte, die mich fesselt und ein Teil von ihr werden lässt.

Nicht ohne Grund erlebt das Storytelling derzeit einen gewaltigen Aufschwung. Überall wird darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, Geschichten zu erzählen. Mit ihnen gelingt es uns, andere zu fesseln und für unsere Inhalte zu begeistern. Das Schöne dabei ist: niemand kann aus so einem großen Reservoir an Geschichten schöpfen wie Kunst und Kultur. Was wir auch in die Hand nehmen und künstlerisch gestalten: Es wird in unseren Händen zur Geschichte.

Christian Henner-Fehr lebt und arbeitet als Kulturberater in Wien. Er betreibt das Kulturmanagement Blog und ist Mitbegründer der stARTconference.

Interview: Christoph Thoma