Okt 232012
 

Ein Gespräch mit dem Autor, Schauspieler und Regisseur Holger Schober.

Lieber Holger, Du bist der wahrscheinlich meistgespielte österreichische Autor im Theater für junges Publikum. Wie bist Du zum dramatischen Schreiben für ein junges Publikum gekommen? Wie schätzt Du die Situation der zeitgenössischen Dramatik für Kinder und Jugendliche im internationalen Vergleich ein?

Ich habe eigentlich schon immer geschrieben. Mit 14 habe ich mein erstes Stück geschrieben – für das Weihnachtsspiel im Gymnasium. Das Stück hieß „Blutige Colts“ und war ein Western, in dem der Sheriff und der Rancher anfangen, sich über den richtigen Christbaumschmuck zu streiten, was in einer Schießerei mündet, bei der alle 23 Protagonisten des Stückes draufgehen. Das war ein großer Erfolg beim jungen Publikum, nur dem Lehrkörper und der Direktion gefiel das nicht so, weshalb ich nie wieder ein Weihnachtsstück schreiben durfte.

Während meines Studiums am Reinhardt Seminar war ich dann immer der, der halt geschrieben hat, wenn ein Text für irgendwas gebraucht wurde. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, das professionell zu machen. Wie ich dann zum professionellen Theaterautor wurde, hat fast schon Schicksalscharakter: Ich war seit ungefähr 10 Jahren als Schauspieler tätig, hatte gerade am Volkstheater gespielt als ich plötzlich in einer Pause Blut spuckte – schwere Kehlkopfentzündung. In der Folge konnte ich fast ein halbes Jahr nicht sprechen. Und Vater bin ich gleichzeitig auch geworden. Da musste ich mir was überlegen und da habe ich mir gedacht: ich schreibe seit ich 13 bin, warum sollte ich damit nicht Geld verdienen.

Ich habe dann einige Drehbücher für den ORF geschrieben, aber das ist mir irgendwann auf die Nerven gegangen und da dachte ich mir, ich komme vom Theater, warum schreibe ich nicht fürs Theater? Dann habe ich mein erstes Stück („Hikikomori“) geschrieben, das ohne jeglichen Erfolg in Wien uraufgeführt wurde und dem sämtliche Kritiker bescheinigten dass es keinen Wert habe.

Dieses Stück ist dann später für den Deutschen Jugendtheaterpreis und den FAUST nominiert worden und bis heute mein meistgespieltes Stück mit über 35 Inszenierungen im deutschen Sprachraum, aber auch in Frankreich, Jordanien, Japan und sogar auf den Philippinen.

Aber das ist ja in Österreich oft so, dass man als österreichischer Künstler im Ausland erfolgreich sein muss, weil man in Österreich keine Chance bekommt. Ich empfinde das leider als typisch österreichisch, dass man den eigenen Talenten keine oder wenig Chancen gibt.

…vor kurzem warst Du gemeinsam mit dem Nachwuchsautor Kevin E. Osenau in Spanien beim internationalen Symposium „Interplay Spain 2012“. Diskutiert wurde über Stückskizzen aus ganz Europa…

Eigentlich hätten wir ja nach Madrid zu Interplay sogar zwei Delegierte mitnehmen können, einzige Bedingung: unter 26 Jahre alt. Das Problem war, da gibt es in Österreich nicht viel.

Das liegt auch daran, dass es in Österreich kaum ein Theater für junges Publikum gibt, das jungen Autoren eine Chance gibt. Dort stehen dann eher Kinderbuchklassiker oder Theatersport im großen Haus auf dem Plan, was nett ist, aber die Dramatik für ein junges Publikum nicht gerade fördert.

Andererseits gibt es in Deutschland sehr viele Förderprogramme für junge Autoren in diesem Bereich. Ich denke da nur an das Kinder und Jugendtheaterzentrum der Bundesrepublik Deutschland in Frankfurt am Main mit Projekten wie „Theater und Schule“ oder „Nah dran“, ganz zu schweigen vom Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreis, der mit jeweils 10.000 Euro dotiert ist.

Wir haben leider nicht einmal bei STELLA eine Kategorie für das herausragende Stück. Das ist natürlich auch meine Schuld, weil ich mich in jetzt drei Jahren als Mitglied des Vorstandes nie durchsetzen konnte.

Aber das hängt auch alles damit zusammen, dass Ausbildung und Förderung von jungen Autoren in Österreich um Jahre hinter her hinken. Bei Interplay durfte ich zum Beispiel Stücke von holländischen Autorinnen lesen. In Holland gibt es schon seit vielen Jahren Szenisches Schreiben als Studienfach, wovon wir in Österreich Jahrzehnte entfernt sind.

Dazu kommen dann noch zwei andere Komponenten: Die finanzielle und die der künstlerischen Wahrnehmung. Man verdient als Autor im Theater für junges Publikum immer noch weniger, ich höre bei Gagenverhandlungen tatsächlich immer den Spruch: „Naja es ist ja für das junge Publikum“. Ich sage darauf immer: „Ja und das ist das wichtigste Publikum, deshalb müsste ich eigentlich mehr verdienen“. Und dann wird man natürlich immer noch belächelt, wenn man in diesem Bereich arbeitet.

Ich war vor kurzem auf einer Podiumsdiskussion wo ein Gewinner vom Heidelberger Stückemarkt mit mir über meine geringere Relevanz diskutieren wollte, weil ich ja nur für Jugendliche schreibe. Als ich in fragte, wie oft sein Stück in den letzten drei Jahren inszeniert wurde, sagte er es gäbe viele Interessenten aber die würden sich alle nicht daran trauen. Vermutlich weil es so relevant ist! Mein Stück „Clyde und Bonnie“ ist in den letzten drei Jahren 34 Mal inszeniert worden, also stelle ich mich dieser Relevanz-Diskussion gerne.

Du bist ebenfalls seit mittlerweile einigen Jahren Mitglied des Vorstands der ASSITEJ Austria und verfolgst die Szene sehr genau, spielst, inszenierst und leitest darüber hinaus zwei freie Gruppen in Wien (Guerilla Gorillas, Wiener Klassenzimmertheater). Was bewegt das Theater für Kinder und Jugendliche Deiner Meinung nach aktuell – sowohl inhaltlich, ästhetisch wie kulturpolitisch. Welche Entwicklungen siehst Du?

Um mit dem Positiven anzufangen: Es bewegt sich was! Gerade in Deutschland entstehen immer mehr Sparten- und Theaterhäuser für ein junges Publikum, weil dort die Relevanz und die Wichtigkeit dieser Arbeit erkannt werden. In NRW wird sogar die kommunale Förderung von Theatern davon abhängig gemacht, was das jeweilige Haus für ein junges Publikum macht.

Aber auch in Österreich hat sich da in den letzten Jahren einiges getan, immerhin hat z.B. das Burgtheater die Wichtigkeit des Nachwuchses erkannt und setzt mit der Jungen Burg ein wichtiges kultur- und sozialpolitisches Zeichen. Aber auch die Festivals wie spleen*graz, SZENE BUNTE WÄHNE und SCHÄXPIR – letzteres sogar eines der größten internationalen Festivals überhaupt – zeigen, dass Österreich kein Entwicklungsland ist.

Auch inhaltlich hat sich einiges getan. Sogenannte Tabuthemen, wie Tod, Homosexualität und Sex werden immer häufiger auch in einer großen ästhetischen Vielfalt angegangen. Es gibt immer weniger sogenannte „Problemstücke“ die außer ihrem „wichtigen“ Thema nichts Interessantes zu bieten haben. Gerade ein Haus wie der DSCHUNGEL WIEN, wo man vom Theater für die Allerkleinsten, über modernes Sprechtheater bis hin zu Kinderoper und Tanztheater alle möglichen Inhalte und Formen erfahren kann, trägt einiges dazu bei, die Szene zu beleben und neue Impulse zu setzen. Das würde ich mir eben auch von den großen Häusern wünschen, dass da mehr Mut herrscht, etwas ästhetisch oder inhaltlich neues zu wagen, statt das bisher Bewährte zu bewahren.

Ich denke nämlich – und das habe ich schon in Linz am u/hof: praktiziert – dass das Abo eine Chance ist und keine Bürde. Denn gerade wenn ich weiß, dass in ein Stück so oder so 5000 Leute rein rennen, egal was es ist, gerade dann kann ich dort mal einen Diskurs riskieren oder etwas neues wagen.

Was man konstatieren muss ist, dass das Theater für ein junges Publikum absolut in der Kulturwelt verankert und an vielen Orten nicht mehr weg zu denken ist, finanziell aber immer noch ein Nischendasein fristet. Es ist offenbar immer noch so, dass es in der Politik zwar Konsens ist, dass es das geben muss, nur kosten soll es halt nichts. Gerade an Stadttheatern ist man als Sparte für das junge Publikum immer noch die kleine unwichtige Sparte, die kämpfen muss, um ihren Teil vom Kuchen zu bekommen. Auch dass die fixen Theaterhäuser für junges Publikum wie das Theater des Kindes, der DSCHUNGEL WIEN oder auch das Theater der Jugend nach wie vor chronisch unterfinanziert sind, ist eine Realität. Auch das mediale Interesse ist ausbaufähig.

Das wird auch für die ASSITEJ in den nächsten Jahren ein wichtiger Punkt sein, diese Wichtigkeit und Relevanz, die das Theater für junges Publikum hat und haben muss, noch besser und noch breiter zu kommunizieren. Wir machen eine unfassbar wichtige Arbeit und es braucht um in diesem Bereich zu arbeiten so viele Skills, so viel Willenskraft und Geduld und so viel Kreativität, dass es absolut nicht akzeptabel ist, dass diese Arbeit auch von Teilen der „Erwachsenentheaterszene“ nicht ernst genommen wird.

Es gibt nichts Schöneres, aber auch nichts Anstrengenderes und Fordernderes, als vor einem jungen Publikum aufzutreten. Aber ich denke, diese Wahrnehmung hat auch etwas mit dem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Szene zu tun. Ich für meinem Teil mache diese Arbeit, weil es zu 100 Prozent meine Entscheidung ist. Ich will nicht am Burgtheater Hamlet inszenieren oder eigentlich nach Hollywood, ich will Theater für junges Publikum machen, weil es sich lohnt, weil ich da spüre, dass das, was ich mache, einen Sinn hat. Und ich denke, Kunst muss immer einen Sinn haben.

Deine Stücke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, Du bist Teil einer internationalen Szene. 2013 kommt mit dem 2. ASSITEJ International Meeting diese internationale Szene mit hunderten von Künstlern und TheatermacherInnen im Juni nach Linz. Was macht internationale Vernetzung so wertvoll, welche Chancen bieten sich Deiner Meinung nach der österreichischen Szene?

Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Natürlich ist das ASSITEJ International Meeting eine fantastische Sache und eine große Ehre und eine tolle Möglichkeit für die österreichische Szene, sich vor einem internationalen Publikum zu präsentieren und Entwicklungen und Strömungen aus anderen Ländern mitzubekommen. Auf der anderen Seite habe ich bei solchen Dingen immer ein bisschen Angst, weil sich für mich die Frage nach der Nachhaltigkeit stellt.

Insofern würde ich sagen, das International Meeting ist eine wichtige Sache und ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung der österreichischen Szene, aber es ist der Schlagobers auf dem Kuchen und nicht der Kuchen selbst. Und dem Kuchen fehlen bei uns noch ein paar Zutaten. So würde ich mir wünschen dass das Meeting ein Versprechen für die Zukunft ist.

Holger Schober gehört im gesamten deutschsprachigen Raum zu einem der meistgespielten Autoren im Theater für Kinder und Jugendliche. Er ist aktuell Vorstandsmitglied der ASSITEJ Austria, schreibt, spielt und inszeniert für deutschsprachige Bühnen.

Gemeinsam mit dem jungen Autor Kevin E. Osenau, war er als österreichische Delegation Teil von „Interplay 2012“, dem biennalen Interplay Symposium. Am 12. Oktober 2012 fand in Linz eine erster Impuls der ASSITEJ Austria statt, alle Initiativen, Wettbewerbe, Autoren, Verlage und Theater in Österreich an einen Tisch zu holen, um über die Förderung der Autoren im Theater für junges Publikum zu diskutieren.

Interview: Kolja Burgschuld