Okt 022012
 

Ein Gespräch mit Henning Fangauf über die Förderung von AutorInnen.

Lieber Henning, im Rahmen Deiner Tätigkeit für das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland bist Du verantwortlich für das Autoren-Netzwerk „Interplay Europe“, das Festival of Young Playwrights. Österreich war seit langer Zeit wieder mit einer Delegation bei dieser zweijährig stattfindenden internationalen Autorenbegegnung im Juli in Spanien dabei. Wie funktioniert Interplay? Welche Ziele verfolgt das Netzwerk?

„Interplay Europe“ ist ein loser Zusammenschluss von Institutionen, die in ihren jeweiligen Ländern auf dem Gebiet der Ausbildung und Förderung von jungen Dramatikerinnen und Dramatikern tätig sind.

Zu diesem Netzwerk gehören z.B. in den Niederlande die Utrecht School of Art, in der Türkei die Anadolu Universität in Eskesehir, in Lettland die Latvian Academy of Culture oder in Dänemark die Odsherred Theatre School in Nykøbing. In einigen Ländern hat die ASSITEJ die nationale Repräsentanz für Interplay übernommen, so z.B. in Kroatien, Schweden, Spanien oder eben auch in Österreich.

Momentan gehören  15 Länder zu dem Netzwerk, das seit 2000 besteht. Es ist Aufgabe der Mitglieder, junge talentierte Dramatikerinnen und Dramatiker, unter 26 Jahren, sowie Tutoren, die Erfahrungen in der Lehre vom dramatischen Schreiben haben, aus ihren Ländern  für unsere Festivals of Young Playwrights „Interplay Europe“ zu nominieren.

Diese finden, nachdem sie 1995 und 1998 zweimal in Deutschland durchgeführt wurden, im zweijährigen Rhythmus in wechselnden Ländern Europas statt. 2000 in Warschau, 2002 in Pecz / Ungarn, 2004 in Athen, 2006 in Liechtenstein, 2008 in Utrecht, 2010 in Ürkmez / Türkei und 2012 in Mangirón / Spanien. 2014 planen wir – aufgrund des Jubiläums des 10. Interplay Europe Festivals ein transnationales Treffen am Bodensee in Kooperation zwischen Deutschland und Österreich, eventuell auch unter Einbeziehung der Schweiz und Liechtenstein.

Interplay Europe verfolgt zum einen das Ziel, den Nachwuchsautoren durch Lektorate und Arbeitsgespräche in Base Groups und One-to-One Chats eine konkrete Unterstützung ihre Schreibens zukommen zu lassen, zum anderen aber auch sie in den internationalen Kulturdialog zu bringen. Die Erfolge der Interplay-Arbeit lassen sich gut messen: wir erleben immer wieder, dass Theaterstücke, die auf den Interplay Treffen diskutiert wurden, ihren Weg auch auf die Spielpläne der Theater jener Länder finden, die am Interplay Treffen teilnahmen.

Du bist auch für das jährliche Frankfurter Autorenforum für Kinder- und Jugendtheater im Dezember verantwortlich, einen der wichtigsten Termine im Kalender des Theaters für junges Publikum. Am 12. Oktober bist Du in Linz bei einer Veranstaltung der ASSITEJ Austria (Autoren:Netzwerk) zu Gast, die ganz ähnliches verfolgt: Den Diskurs um Dramatik für Kinder und Jugendliche in Österreich neu aufleben zu lassen und an Modellen einer Autorenförderung zu arbeiten. Was sind Deine Erfahrungen aus Frankfurt? Wie kann Autorenförderung gelingen? Und als Kenner der deutschsprachigen Szene: Wie schätzt Du aus der Ferne die Situation in Österreich ein?

Leider gibt es keine Patentrezepte, die alle anwenden können. Als wir 1989 das Programm des 1. Frankfurter Autorenforums planten, ließen wir uns von folgenden Erkenntnissen leiten:

  • Die Autorinnen und Autoren des Kinder- und Jugendtheaters brauchen eine Lobby und eine öffentliche Plattform um ihre Werke präsentieren zu können
  • Die Theater pflegen nur unzureichend den persönlichen Kontakt zu jenen Künstlern, die die Stücke verfassen. Auftragswerke, Hausautorschaften und Stipendienprogramme waren damals nahezu unbekannt.
  • Dem internationalen Kinder- und Jugendtheater und seinen Autorinnen und Autoren gehört eine größere Beachtung geschenkt.

Auf dieser Grundlage, die in den folgenden Jahren zu einem weit verzweigten System an fördernden Maßnahmen führte, haben wir das Frankfurter Autorenforum sowie weitere Projekte ins Leben gerufen. Wichtige Wegmarken waren die Dramatiker-Werkstatt für Kinder und Jugendtheater an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel von 1990 – 2008 mit dem damit verbundenen „Stipendium Paul Maar“, die Etablierung des deutschen Kindertheaterpreises und des deutschen Jugendtheaterpreises im Jahr 1996, die Gründung des Netzwerkes ‚Interplay Europe‘ 1998 in Berlin, eine Reihe sogenannter „Dramaturgischer Gespräche“ von 1992 – 2000 an verschiedenen Theatern zu ausgewählten Themen und – seit 2009 – das Projekt ‚Autoren – Theater – Schule‘ mit seinen beiden Standbeinen ‚Nah dran – Autorinnen und Autoren ans Kindertheater‘ sowie „TAtSch-TheaterAutoren treffen Schule“.

2013 starten wir mit „Dialoge. Szenisches Schreiben mit Jugendlichen“, ein Projekt, das an 15 Orten in der Republik Schreibwerkstätten für Jugendliche unter Anleitung von Autoren des Kinder- und Jugendtheaters anbietet. Dauerhaft habe ich darauf geachtet, dass das Thema „Dramatische Kinder- und Jugendliteratur“ auch in den Medien, der Fachliteratur vorkommt und auf dem Buchmarkt vertreten ist. Aktuelle Neuerscheinungen zum Thema belegen das.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Autorenförderung stets dann am besten gelingt, wenn die Beteiligten direkt miteinander reden und zusammenkommen. Die beste Förderung heißt für mich Kontakte zu knüpfen, Verbindungen zwischen den Menschen herzustellen. Dramaturgen, Regisseure, Schauspieler reden und planen direkt mit den Autoren, aber auch mit Lehrern, Pädagogen und Jugendlichen muss ein ständiger Autorendialog gepflegt werden. Und die Autoren müssen ebenfalls von sich aus den Dialog mit Theater und Publikum suchen. Damit diese Dialoge gelingen, müssen die Fördereinrichtungen die wichtigen Themen aufspüren und die richtigen Fragen stellen.

Auf Österreich bezogen glaube ich, dass sicherlich die eine oder andere der oben aufgezählten Initiative aufgegriffen werden kann. Eine regelmäßige Dramatiker-Werkstatt schult den Nachwuchs, ein Autorenforum eröffnet Dialoge und ein TAtSch-Programm macht den Autoren Freuden und Nöte der Schüler und der Schule bewusst. So könnte man den Rahmen weiter abstecken, über Autorenpreise, Ausstellungen und Publikationen nachdenken, über internationale Verbindungen sprechen und natürlich über die „Gretchenfrage“: wie wecke ich das Interesse der Theater an den Arbeiten der zeitgenössischen Dramatiker? Und: man muss Geld für diese Maßnahmen akquirieren.

Welchen Stellenwert nimmt Deiner Meinung nach heute der klassische Dramentext gegenüber anderen Formen des „Textes“, wie dokumentarischem Material, kollektiven Prozessen der Texterzeugung und der Improvisation ein?

Stückentwicklungen und Adaptionen von Büchern und Geschichten gehören zur Tradition im Kinder- und Jugendtheater. Dramatisierungen von Märchen, Bearbeitungen der Klassiker der Kinderliteratur sowie von Kinder- und Bilderbüchern bilden den  Kanon des Theaters für junges Publikum.

Insbesondere Freie Theater haben immer wieder ihre Stücke – auch um Tantiemen zu sparen – selber entwickelt. Aber wir beobachten in der Tat, dass an einigen Theatern, das sind insbesondere größere Häuser mit ausgewiesener dramaturgischer und theaterpädagogischer Abteilung, jetzt wieder vermehrt Stücke, verstärkt für Jugendliche, vom Ensemble selber entwickelt werden. Dagegen ist, solang es zu guten, künstlerischen Ergebnissen führt, nichts zu sagen. Fragwürdig wird es dann, wenn die Stücke nur für den einmaligen Einsatz an dem entwickelnden Theater gedacht sind und nicht für das Repertoire zur Verfügung stehen. Also: eignen sich auch diese Stücke für das Nachspielen, tragen sie zur Repertoirebildung bei? Da habe ich meine Zweifel.

Stückentwicklungen sehe ich aber grundsätzlich als eine Bereicherung und nicht als Konkurrenz zu den Autorenstücken an. Im Ensemble entwickelte und dort aufgeführte Stücke können wirklich eine große Kraft haben – eben weil sie so zielgenau aufs Ensemble geschrieben wurden. Autoren wiederum bringen ihre besonderen Qualitäten ein, nämlich Sprachkompetenz, überbordende Phantasie und eine lebenslang geschulte Beobachtungsgabe. Auf diesen Gebieten sind und bleiben sie die wahren Experten.

Henning Fangauf war von 1981 bis 1989 Dramaturg für Schauspiel in Coburg, Osnabrück und Bremen. 1989 wechselte er nach Frankfurt / M. an das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, dessen Stellvertretender Leiter er heute ist.

Interview: Kolja Burgschuld