Sep 182012
 

Ein Gespräch mit dem Kulturdirektor der Stadt Linz, Dr. Julius Stieber.

Lieber Herr Dr. Stieber, Linz war Kulturhauptstadt 2009 und eröffnet im kommenden Jahr das neue Musiktheater. Ein Impuls für eine geistig diskursive Stadt. Wie sehen Sie persönlich die Entwicklung der ehemaligen Industrie- hin zur Kulturstadt?

Zunächst ist festzuhalten, dass Linz nicht erst mit der Kulturhauptstadt auf der kulturellen Landkarte aufscheint. Schon in den 1970er Jahren erfolgte ein enormer Schub mit der Eröffnung des Brucknerhauses und der Gründung der Ars Electronica. Dass jedoch das Musiktheater und das Kulturhauptstadtjahr, dem massive Investitionen in die kulturelle Infrastruktur vorausgingen, einen besonderen Stellenwert für die kulturelle Entwicklung der Stadt haben, ist unbestritten. Die Stadt und ihre Bevölkerung muss sich damit noch mehr an Internationalität und künstlerischer Qualität ausrichten. Außerdem wird der Wahrnehmungsfokus weit über die Grenzen von Oberösterreich erweitert. Nebenbei ist damit auch ein enormer Imagegewinn für Linz zu verzeichnen. Linz bleibt aber nach wie vor eine prosperierende Industriestadt, wenngleich nunmehr auch das kulturelle Standbein voll entwickelt ist.

Eines Ihrer ersten Projekte als neuer Kulturdirektor der Stadt Linz war ein neuer bzw. überarbeiteter Kulturentwicklungsplan. Können Sie bereits Schlüsse über die künftige Positionierung der oberösterreichischen Landeshauptstadt ziehen?

Der „Kulturentwicklungsplan neu“, der voriges Jahr in Angriff genommen wurde, ist vor allem ein breit angelegter, partizipativ ausgerichteter Diskussionsprozess und wird die Basis für die Kulturpolitik des nächsten Jahrzehnts bilden. Insgesamt stellen wird den „Kulturentwicklungsplan neu“ auf vier Säulen, die miteinander korrespondieren und die das seit den späten 1970er Jahren gültige kulturpolitische Motto von Linz, „Kultur für alle“, neu definieren. In Schlagworten zusammengefasst sind diese vier Säulen: Chancengleichheit erhöhen, Potenziale fördern, Zugänge schaffen und Stadt öffnen, wobei jeder Säule drei Schwerpunkthemen zugeordnet sind, wie z.B. Interkulturalität, Infrastruktur, Jugendkultur oder Internationalisierung. Ich bin überzeugt, dass damit ein guter und zukunftsweisender Weg beschritten wird, der sich nachhaltig auf die positive Entwicklung von Linz als Kulturstadt auswirken wird. Wichtig war uns, dass im Mittelpunkt die Kultur- und Kunstentwicklung vor Ort steht und nicht billige Effekthascherei durch Marketingaktionen und damit verbundene Alleinstellungsmerkmale.

Das SCHÄXPIR Festival war ihr „Baby“. Wie stehen Sie zur Festivalisierung in Österreich, die gerne auf Kosten der ganzjährigen Veranstaltertätigkeit geht?

Hier habe ich eine durchaus kritische Position, obwohl ich mit der erfolgreichen Positionierung des SCHÄXPIR Festivals in Oberösterreich ebenfalls zur Festivalisierung beigetragen habe. Festivals sind für mich vorrangig ein Mittel für kluges und wirkungsvolles Stadt- und Standortmarketing, ermöglichen aber durchaus Kulturentwicklung, wenn sie bisher unterprivilegierte Kunstformen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Leider bekommt man derzeit eher öffentliche Gelder für Festivals, sodass immer mehr Ressourcen in diesen Bereich wandern und die Basisförderung für viele ganzjährig aktive Kulturvereine und -veranstalter mehr und mehr ausgedünnt wird. Mit dem „Kulturentwicklungsplan neu“ versuchen wir hier durchaus gegenzusteuern, ohne uns jedoch von bestehenden Festivals in Linz verabschieden zu wollen.

Dr. Julius Stieber war organisatorischer Leiter des SCHÄXPIR Festivals in Linz und ist seit 2010 Kulturdirektor der Stadt Linz.

Interview: Christoph Thoma