Sep 112012
 

Ein Gespräch mit STELLA-Jurorin Yvonne Birghan-van Kruyssen.

Liebe Yvonne, mit einer Deinen Jurykolleginnen, Lilian Genn, haben wir schon gesprochen und sie ist gespannt, so einen geballten Einblick in das Theaterschaffen für junges Publikum in Österreich und Liechtenstein zu bekommen. Als Intendantin von SZENE BUNTE WÄHNE kommst Du traditionell viel rum, schaust viel im In- und Ausland. Was ist die spezielle Herausforderung der STELLA Jury?

Da ich erst seit Jänner 2012 in Österreich arbeite, fehlt mir doch der Überblick über die österreichische Kinder- und Jugendtheaterszene. Sicher kenne ich beispielsweise den DSCHUNGEL WIEN, das Mezzanin Theater und das TaO! in Graz oder auch das Theater des Kindes in Linz, doch einen rechten Überblick habe ich noch nicht. Mit der Nominierung in die STELLA-Jury, worüber ich mich sehr gefreut habe, kann ich alle Gruppen sehen und muss es auch.

Ein internationales Theaterfestival zu programmieren und zu veranstalten heißt nicht nur internationale Gruppen einzuladen. Die Aufgabe von SZENE BUNTE WÄHNE ist es auch, eine Auswahl an nationalen Produktionen zu zeigen und die Künstler miteinander ins Gespräch zu bringen. Mir ist es wichtig, in den kommenden Jahren die Plattformidee weiter auszubauen, auf der sich nationale und internationale Künstler, Programmierer und Theaterschaffende gegenseitig ansehen können und in einen tieferen Diskurs über Theaterformen für junges Publikum gelangen können.

Ich freue mich auf die kommenden Premieren und Vorstellungen in Österreich und auf die Gespräche mit meinen Mit-JurorInnen.

SZENE BUNTE WÄHNE hatte in den letzten Jahren – und das wird sich mit dem Holland-Schwerpunkt beim in wenigen Tagen startenden SBW Herbstfestival (21.-30.09.) gewissermaßen fortsetzen – oft Theater und Gruppen aus den BENELUX Staaten zu Gast. Du bist eine Kennerin der Szene. Welchen Unterschiede zwischen dem dortigen Theaterschaffen und der Österreichischen Szene lassen sich ausmachen?

Ich bin in den vergangenen Jahren viel gereist, habe viele holländische und belgische Produktionen gesehen, auch Dank der Programmierung von Johanna Figl (ehemalige künstlerische Leiterin von SZENE BUNTE WÄHNE und Vorstandsmitglied der ASSITEJ Austria Anm.d.Red.). Es gibt sicher einen großen Unterschied in den künstlerischen Ansätzen. Doch jede Szene hat ihre Besonderheit und damit auch eine Alleinstellung im internationalen Vergleich.

Kinder- und Jugendtheater in den Niederlanden war immer ein starker Impulsgeber für die Entwicklung der internationalen Szene. Die Freiheit, Darstellungsformen für junges Publikum zu entwickeln, war einzigartig und hat Kulturschaffende im In- und Ausland inspiriert und geprägt. Das belgische Theater ist innovativ, mutig und experimentell und hat in den letzten Jahren viel in Österreich bewegt.

Einen Vergleich mit der österreichischen Szene kann ich mir noch nicht erlauben. Stellt mir die Frage nach dem STELLA-Jahr noch einmal. Dann kann ich vielleicht einen Vergleich anstellen oder besser ein Porträt über die heimische Szene skizzieren.

SZENE BUNTE WÄHNE ist nicht zuletzt ein Festival im ländlichen Raum Niederösterreichs und damit einer jener Orte an denen abseits der großen Städten in Österreich Theater gemacht wird. Was sind die Herausforderungen abseits der Kulturzentren Wien, Graz und Linz Theater für Kinder und Jugendliche zu schaffen und zu kuratieren?

Das ist eine Frage, die ich noch gar nicht so gut beantworten kann. Das 22. internationale SZENE BUNTE WÄHNE Festival ist mein erstes Festival. Ich habe in der Programmierung versucht, ein breites Spektrum an Darstellungsformen zu finden und hoffe, dass das Publikum die Stücke mögen wird. Ob die Kuratierung optimal ist, das werden uns die Zuschauerzahlen am Ende zeigen. Aber eine gute Programmierung ist im ländlichen Raum nicht alles. Wir müssen die Besucher überzeugen, dass das, was wir anbieten, auch für alle geeignet ist. Dies bedeutet einen unglaublich Aufwand von Marketing, Schulvermittlung und Gesprächen. Wenn man einmal falsch liegt, dauert es wieder eine Weile, bis man das Publikum zurückgewinnen kann. Ich bin bei meinem Amtsantritt durch viele Gemeinden gefahren und habe mich nach deren Bedürfnissen erkundigt und versucht, diese in meiner Programmierung zu berücksichtigen.

Das Festival findet zudem nicht nur an einem Ort statt, sondern in elf Städten in Niederösterreich, konzentriert im Waldviertel. Dies macht es auch einfacher für das Publikum unser Programm zu sehen und zu erleben.

Auch wenn sich das Festival längst etabliert hat, bleibt SZENE BUNTE WÄHNE in seiner Entwicklung nicht stehen, sondern macht es sich zur Aufgabe, sein Publikum immer wieder aufs Neue zu überraschen und mit publikumsrelevanten Themen, gesellschaftlichen Bezügen, Darstellungsformen, die sich der Welt, in der Kinder und Jugendliche leben, annähern und mit einem abwechslungsreichen Programm an sich zu binden.

Ich bin sehr gespannt, wie unser erstes Festival anläuft und freue mich sehr auf die Rückmeldungen des Publikums.

Yvonne Birghan-van Kruysen ist sie seit 2012 neue Intendantin des Festivals SZENE BUNE WÄHNE. Davor realisierte sie erfolgreich europäische Theaterprojekte (Magic Net 2001-2008) und arbeitete als freischaffende Produktionsleiterin u.a. für die Winterakademien (2005-2010) am THEATER AN DER PARKAUE und die niederländische Tanzcompagnie PLAN-D, wo sie auch Regie führte.

Interview: Kolja Burgschuld